Kultur : Fan-Post

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Rüdiger Schaper über Astronauten und andere Überflieger

Ist es Kunst? Ist es Wahnsinn? Ist es ein Witz? „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“, nannte der Künstler Sigmar Polke Ende der sechziger Jahre ein Gemälde, das eben jenen himmlischen Befehl exekutiert: eine helle Leinwand mit schwarzem Eck. Der Überflieger von Frankfurt gehorchte einer anderen mysteriösen Stimme, als er einen Motorsegler kaperte und stundenlang zwischen den Türmen Mainhattans kreiste. Er liebt eine Tote. Er sagt im Interview, das er vom Cockpit aus führte, dass er seinem Idol nah sein wolle.

Folgt man der Logik des Mannes, so war er endlich auf dem Weg zu ihr: zu Judith Resnik, einer NASAAstronautin, sie kam 1986 bei der Explosion der Challenger mit ihren sechs Kollegen ums Leben. Der 31-jährige Student soll seit Jahren eine Judith-Resnik-Homepage unterhalten haben – einen Altar im Netz. Der 31-jährige bezeichnet sich selbst als „Fan“. Judith Resnik war kein Pop-Star: Aber sie sah so aus. Jung, hübsch, intelligent, mit romantisch-dunklem Teint. Wie eine amerikanische Filmschönheit.

Die Fernsehbilder weckten sogleich Assoziationen zum 11. September. Doch der abgedrehte Hobby-Pilot hatte offenbar kein Atta-Attentat geplant. Was dann? Der Student aus Darmstadt ein zweiter Charles Manson? Der wollte aus dem Beatles-Song „Helter Skelter“ Mordbefehle herausgehört haben. Der Rundflug des Franz S. hat beinahe etwas Rührendes – und das macht ihn noch unbegreiflicher. Bedrohlicher. Ein abstruseres Objekt der Begierde hat die Welt kaum je gesehen. Verehrer, die (sich) für ihr Idol glauben töten zu müssen, sind nicht selten. John Lennon wurde von einem wahnsinnigen Fan ermordet. US-Präsident und Ex-Schauspieler Ronald Reagan wurde von einem Mann niedergeschossen, der mit diesem „Akt der Liebe“ seinem Idol Jodie Foster imponieren wollte. Wäre Judith Resnik noch am Leben, bekäme sie es jetzt mit der Angst zu tun.

Auf der Erde geschah am Wochenende auch noch dies: „Deutschland sucht“ im Fernsehen weiter nach dem „Superstar“. Show-Talente drängen ins Rampenlicht, mit reichlich Tränen und Küsschen. Das höhere Wesen, das hier die Anweisungen gibt, heißt Dieter Bohlen. Viele Wege führen zum Ruhm. Viele Wege führen ins Vergessen. Wer war eigentlich Matthias Rust? Und wer flüsterte einst einem gewissen S. auf dem Weg nach Damakus ein: „Warum verfolgst du mich?“

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