Kultur : Fangfrisch vom Prenzlberg

Jochen Schmidt von der Berliner Lesebühne„Chaussee der Enthusiasten“ schenkt uns „Seine größten Erfolge“

Jens Mühling

Der Meister steht selbst an der Kasse. Kassiert drei Euro pro Person, stempelt Hände, wünscht gute Unterhaltung. Dafür, dass Jochen Schmidt in bestimmten Kreisen durchaus als Berühmtheit gilt, muss man dem Jungautor erstaunliche Bodenhaftung attestieren. Nun mag das auch kein großes Kunststück sein in einer Künstlerszene wie der jungen von Berlin, wo Glaubwürdigkeit immer noch zwingend mit kleinstmöglichem Ehrgeiz einhergeht. Aber immerhin: Wer jeden Donnerstag den nicht eben bescheidenen Saal des Friedrichshainer „RAW-Tempels“ füllt, wer den Open-Mike–Preis der Literaturwerkstatt sein Eigen nennt und bereits sein drittes Buch veröffentlicht hat, der könnte sich darauf schon was einbilden. Nicht so Jochen Schmidt.

Nur hier, nur heute

Es ist Donnerstag, und Schmidt verkauft Karten für die Literaturshow „Chaussee der Enthusiasten“, bei der er jede Woche zusammen mit anderen jungen Autoren auf der Bühne steht. „Aus dem Buch kommt heute aber nüscht“, erklärt er dem jungen Mann, der ihn auf seine gerade veröffentlichten Erzählungen anspricht. „Wär doch langweilig. Nee, die Sachen hab ick eben erst neu geschrieben.“ Fangfrische Prosa vom Prenzlauer Berg, nur hier, nur heute, so klingt das.

Dann liest Schmidt, im Stehen, erzählt von einer magenstrapazierenden Bahnreise, fragt sich, ob die kurvenreiche Gleisführung das Werk eines parkinsonkranken Streckenplaners ist, der mit zittrigen Fingern am Reißbrett auf sein Schicksal aufmerksam machen wollte. „Hinter vielen technischen Errungenschaften stecken solche rührenden Geschichten“, glaubt Schmidt. Der Berliner Fernsehturm? Nur der Hilfeschrei eines impotenten Stadtplaners. Der erste Sputnik? Abkapselungsfantasien eines Muttersöhnchens, das endlich flügge werden will.

Betont unbetont liest Schmidt das herunter, gluckst zwischendurch, als seien ihm die rasant gestrickten Pointen eben erst eingefallen. Man täusche sich nicht: Was hier so spontan zusammengebastelt daherkommt, besticht nicht nur durch Mutterwitz, sondern vor allem durch Sprachpräzision und Intelligenz. Da kann Schmidt noch so sehr den verplanten Langzeitstudenten mimen, unter tausend Enthusiasten würden wir seinen Stil trotzdem erkennen. Das mag denn auch die Entscheidung beflügelt haben, nach Schmidts Kurzgeschichtendebüt „Triumphgemüse“ und dem Roman „Müller haut uns raus“ nun auch seine Lesestücke in Buchform zu veröffentlichen. Im Vorwort erklärt Schmidt: „An meiner Stimme oder gar meinem Auftreten kann es nicht gelegen haben, wenn gelacht wurde. Und wenn das so ist, kann man beides eigentlich auch weglassen.“ Stimmt - ohne Nuschelattitüde und in Buchform klingt das alles fast noch besser.

„Seine größten Erfolge“ hat Jochen Schmidt das Buch selbstbewusst betitelt, und wer ihn schon aus der „Chaussee der Enthusiasten“ kennt, der weiß, was uns erwartet. Kurze, knapp pointierte Stücke, Kindheitserinnerungen und Liebesverwirrungen des Jochen Schmitt (Schmidts notdürftig getarntes Alter Ego). Vieles kreist um die Kindheit im real existierenden Sozialismus: wie der erste C-64 das Leben veränderte, wie man trotz Fassonschnitt Punk sein konnte, wie man ohne Englischkenntnisse englische Texte mitsang.

Sicher: Kuschlige Wiedererkennungseffekte dieser Art serviert uns die Popliteratur seit langem. Aber kaum jemand macht das zur Zeit so nonchalant und bürgernah wie Jochen Schmidt. Nichts von der Schnöselallüre eines Stuckrad-Barre, kein selbstzerfleischendes Marken-Poker à la Christian Kracht, kein hobbysoziologischer Anspruch wie bei Zonenkind Jana Hensel. Nur der Jochen vom Prenzlauer Berg, der kurz vorm Auftritt ein paar Sätze zusammenfischt - und damit allen um eine Leinenweite voraus ist.

Jochen Schmidt: Seine größten Erfolge. dtv, München 2003. 177 S., 12 €. Die Buchpremiere findet am Sonntag, den 27. April, um 20 Uhr im Roten Salon der Berliner Volksbühne statt.

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