Kultur : Fantamädchen küßt man nicht

DAVID WAGNER

Wer Glück oder die richtigen Freunde hat, findet vielleicht den Weg in eine der Bars in Mitte oder sonstwo im Berliner Osten, deren Adresse in keinem Führer, keinem Stadtmagazin und keiner Zeitung steht.Irgendeiner muß immer schon einmal da gewesen sein, sich den Weg gemerkt haben und die Öffnungstage, die als Geheimnis gehandelt werden, kennen.

Es gibt kleine Clubs und Bars, die nur an einem Wochentag, nur dienstags, mittwochs oder donnerstags geöffnet haben.Oder nur an ungeraden Freitagen oder nur Sonnabend vor Vollmond.Oder an Tagen, deren Datum ohne Rest durch sechs oder sieben teilbar ist.Kennt der Besucher den Öffnungstag, muß er die "Hirschbar", die "Hausfrau im Schacht", "St.Kildas Trips Drill" oder das "Vereinsheim" erst einmal finden.Hinweisschilder gibt es keine.Eingänge liegen zwischen verstaubten Ladenlokalen, im zweiten Hinterhof oder einmal quer durch ein Trümmergrundstück, hinter einem Loch in einer Brandmauer oder vier Treppen ausgetretener Stufen hoch im Seitenflügel.Die Tür zum "Kunst und Technik", der alten Mittwochsbar direkt am Wasser, verbirgt sich hinter einer unscheinbaren Holztür in einer Mauer zum Monjibou-Park.Im vergangenen Sommer war die Bar in Strandbadlage immer überlaufen.Vereinsausweise im Scheckkartenformat mußten ausgegeben werden, das System der Öffnungstage wurde weiter verkompliziert.

Im Eingang zu einer Kellerbar im Romantiker-Viertel, nahe am Nordbahnhof, ist man noch nicht ganz so weit.Der Türsteher mit Henry-Kissinger-Brille erzählt, daß man auch hier einen Verein gründen wolle.Ziel des Vereins sei die Förderung der Künste, insbesondere die der bildenden Kunst, der Musik und ihres performativen Zusammenwirkens.Das Vereinsrecht erlaubt den Getränkeverkauf zur Finanzierung von Vereinsaktivitäten auch ohne Schanklizenz.Eine Privatbar fängt als Privatparty an, in der Woche danach darf jeder jeden mitbringen.Es gibt keine Flyer, keine Werbung.In den entsprechenden Kreisen spricht sich alles herum.Es entsteht eine kleine Gemeinde.Der Türsteher mit der Kissinger-Brille, die wahrscheinlich nur Fensterglas enthält, läßt alle Bekannten ein.Unbekannte, die den Zauberspruch "Ich kenne B., ich bin ein Freund von G." nicht kennen, zahlen fünf Mark.Die hübscheren Mädchen dürfen Namen und Anschrift auf die Vereinsliste schreiben.

Nach ein paar Stufen steht man in einem hauptsächlich durch Körperwärme und Rauch geheizten Doppelkeller.Es gibt einen Raum mit Bar, dahinter den mit der kleinen Tanzfläche und der Ecke für den DJ.Auf einem roten Leuchtschild über der Bar liest man "Er-Sie-Es-Salon".Hinter der Bar steht eine blonde Frau, die jedem, der es hören möchte, erzählt, daß sie an einer Diplomarbeit über die Unterwäsche der siebziger Jahre arbeite.Sie schneidet Limonen, mixt Caipirinha und klagt, es sei nicht mehr leicht, erstklassiges Forschungsmaterial zu finden.Vor der Bar stehen junge Männer und trinken Flaschenbier.Auf ihre Gesichter fallen Lichtstreifen aus den Korblampen, in denen nur rote Glühbirnen brennen.Die Korbkugeln hängen tief in den Raum hinein.Man kann mit ihnen auch Kopfbälle üben oder tanzen.Um die Disco-Kugeln an der Decke kreisen kleine Raumschiffe.Ab und zu fliegt ein Lächeln von Gesicht zu Gesicht, auch die Unterwäscheforscherin grinst.Die jungen Männer tragen Fred-Perry-Pullover mit V-Ausschnitt, manchmal auch Hemdkragen aus anderen Jahrzehnten.Wer hierher gefunden hat, weiß, was er anziehen muß.Deshalb sehen sich alle ein wenig ähnlich.

Und wenn einer tanzt, bewegt er sich auffallend lässig, als müsse man jedem zeigen, daß man sich zur selben Musik mindestens zwölf bis fünfzehn Jahre weniger verklemmt bewege als früher.Die Ironie tanzt immer mit, schließlich verrät sich die Erleichterung, in der großen Stadt angekommen zu sein.Und dazu, zum Glück auch noch gerade an diesen Ort gefunden zu haben.

Ein Mädchen mit kleinen Pupillen hat sich ein Stofftier mitgebracht.Sie hat sich aus dem Kopf eines Stoffhunds eine Stoffhundtasche genäht und an sehr kurzer Leine am Gürtel über ihrem Hintern angeleint.Ihr Hündchen hüpft beim Tanzen, wie ein echter Rauhhaardackel, der sich aufs Gassigehen freut.Seine Kulleraugen springen auf und zu.

Hinter ihm und seinem tanzenden Frauchen wirft ein Diaprojektor Fraktalmuster an die Wand.Der Raum zeigt sich plötzlich wie eine späte Fernsehstudioerfüllung eines alten Wunsches: Hat man sich nicht, als man noch gar nicht ausgehen durfte, Clubs und Kellerbars genau so vorgestellt? Als Mittelding zwischen plüschiger, überall gepolsterter, für Kinder leider verschlossener Hotelbar und dem Partykeller von Onkel Kurt und Tante Trautchen, in dem es immer halbe Hackepeterbrötchen zu Essen gab? Eine Anleitung zum Bau eines solchen Partykellers kann man in Anleitungsbüchern der späten sechziger Jahre mit Titeln wie "So helfe ich mir selbst" finden.Teppichbodenreste bis auf Brusthöhe an die Wand kleben, lackierte Bretter auf Winkeleisen schrauben.Profilholzvertäfelung aus Fertigpaneelen anbringen, Preßholzplatten mit selbstklebender Folie bekleben, alles in Farben, die zu den Flaschen mit farbigen Likören passen.Auf der sichtbaren Stirnkante des Regalbretts kann man wahlweise eine bestickte Stoffbordüre anbringen oder eine Furnierleiste aufbügeln.Getränkeuntersetzer werden aus Stoffresten genäht.

Auf einem der extrafiesen, aber unverwüstlichen Polstersessel darf man sich an "Dalli Dalli" oder den "Großen Preis" mit Wim Thoelke erinnern, den man mit Tante Trautchen gucken durfte.Korblampen und Partykeller sind auf einmal Kult.Eigentlich kann man den plötzlichen Kult um die Dinge, die gestern noch so häßlich waren, nicht erklären.Einige Dinge sind Kindheitsrequisiten: das Tapetenmuster aus der Zeit der Olympischen Spiele in München, der stumm laufende Fernseher mit Serien der siebziger Jahre, DJs, die sich Wum und Wendelin nennen, ein Radioweckerwürfel, nicht mit leuchtender, sondern mit umblätternder Digitalanzeige.

Auf so einem speckigen Polstersessel, auf dem sicher schon einige Bierflaschen ausgelaufen sind, kann einem auch einfallen, daß solche Clubs Orte sind, die einen absichtlich vergessen lassen, ob es draußen hell oder dunkel und wer man selbst heute ist.Auf einmal ist das alles egal.Man darf sich der Nostalgie an die Teestube im Gemeindezentrum, an die große Liebe, den ersten Biervollrausch oder andere Gefühle, die sich heute nur mit ungleich stärkeren Genußmitteln hervorrufen lassen, ergeben.Man tanzt und hopst durch das Museum seiner eigenen Kindheit oder lehnt sich in einen schmutzigen Flokatisesselbezug zurück.

Und über dem, was man heute anstellt, liegt der dünne Reiz des Verbotenen.Der illegale Club lebt auch von der irrealen Vorstellung, eine Hundertschaft Polizei könne vorfahren.Und das Leben ausgelassener Bürgerkinder einmal in der Woche spannend machen.Ein klein wenig kommt man sich vor wie in einem Film, den man eigentlich nicht gucken dürfte.Und das hat für die Bürgerkinder, die hier ausgelassen tanzen, für einen Abend der Woche seinen ganz eigenen Reiz.Alle aschen auf den Boden, weil man weiß, daß Tante Trautchen über soviel Ungezogenheit einen Nervenzusammenbruch bekommen hätte.Vielleicht muß man gar nicht wissen, daß man nur nachholen oder wiederholen möchte, was man sehr viel früher noch nicht anstellen durfte oder konnte.

Vielleicht sollte man wissen, daß man die Küsse, die nach Fanta schmeckten, nicht wiederholen kann.Trotzdem schaut man dem Mädchen mit den Bommelkirschborten an der Schlaghose (die mit dem Hündchen ist schon gegangen) beim Tanzen zu und möchte sie küssen.Gegen fünf oder sechs Uhr morgens ist von dem konspirativen Gefühl nicht viel übrig.Alles verwandelt sich in vertraute Gemütlichkeit.Jeder kennt jetzt jeden.Alle sind ein Verein, der DJ gibt den Vorsitzenden, Wortmeldungen werden von allen Erinnerungsbastlern mitgesungen.Jede Platte ist eine Erinnerungsplatte, die man vor soundsoviel Jahren, als alles noch ernst gemeint war und wirklich galt, schon einmal gehört hat.Wahrscheinlich allein in einem Neubauzimmer, zu laut unter Kopfhörern oder leise aus dem Radio, beim Geschirrabtrocknen in der Küche.

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