"Fantasio" an der Komischen Oper Berlin : Das nimmt der Narr auf seine Kappe

Die komische Oper entdeckt ein Juwel des französischen Musiktheaters wieder: Jacques Offenbachs „Fantasio“ in einer konzertanten Version.

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Tansel Akzeybek ist Fantasio
Tansel Akzeybek ist FantasioFoto: Jan Windszus

Um sein Herz zu verschenken, ist es nie zu spät. 144 Jahre nach der Uraufführung verliebt sich das Publikum in der Komischen Oper am Samstagabend spontan in Jacques Offenbachs „Fantasio“. Weil die konzertante Aufführung des Dreiakters eine ganz überraschende Facette des Komponisten zeigt: Als scharfzüngigen, geistreichen Gesellschaftskritiker kennt man Monsieur Offenbach durch seine großen Opéra-Bouffe-Hits wie „Orpheus in der Unterwelt“ oder „Pariser Leben“. Außerdem als grüblerische, doppelgesichtige Künstlernatur, dank seines finalen Meisterwerks „Hoffmanns Erzählungen“. Zwischen der Can-Can-Heiterkeit einerseits und dem tiefenpsychologischen Weltschmerzdrama andererseits existieren aber im Oeuvre des unglaublich produktiven Kölner Kantorensohns und Wahlfranzosen noch so manche Zwischentöne, die dank der 1999 gestarteten, quellenkritischen Offenbach-Edition von Jean-Christophe Keck peu à peu wiederentdeckt werden.

In Berlin ist nun überhaupt zum allerersten Mal die „Fantasio“-Fassung zu hören, die der Komponist dem Tenor Victor Capoul auf den Leib geschrieben hatte – und die dann doch nicht realisiert werden konnte, weil sich der Sänger nach dem Ausbruch des deutsch-französischen Kriegs gen London verabschiedet hatte. Im Mittelpunkt des von einer Komödie von Alfred de Musset angeregten Stücks steht der Student Fantasio, der in das Kostüm eines Hofnarren schlüpft, um die Prinzessin von Bayern vor einer politisch eingefädelten Ehe zu retten. Eine Figur, mit der sich Jacques Offenbach leicht identifizieren konnte, war er doch selber in der Regierungszeit von Napoléon III. der Spaßmacher der Nation gewesen. Und ein höchst erfolgreicher zudem. Selbst die gekrönten Häupter der Welt hatten, zusammen mit der Pariser Bourgeoisie und den zahllosen Metropolentouristen, in Offenbachs Boulevardtheatern gesessen und herzhaft gelacht beim Blick in den Zerrspiegel, der ihnen hier vorgehalten wurde.

Nach der Vertreibung des Kaisers und der Ausrufung der Republik 1871 aber ist plötzlich der geliebte Gegner weg, und der Komponist muss sich nach anderen Ausdrucksmöglichkeiten umsehen. Offenbach öffnet die romantisch-sentimentale Seite seiner Seele – und es entströmt ihr Musik von einer Intimität und Empfindsamkeit, wie man sie dem frechen Sozialsatiriker nicht zugetraut hätte. Mit dem hoch motivierten Orchester der Komischen Oper lässt Dirigent Titus Engel am Samstag eine berückend schöne, märchenhaft-schwelgerische Stimmung entstehen, mit zart erblühenden Melodien und fein ausgehörten, pastelligen Klangfarbmischungen. In Tansel Akzeybek steht der ideale Titelheld an der Rampe, ein schlanker Tenor mit hellem Timbre, der sich in die weiche französische Diktion zu schmiegen versteht, aber auch glühen kann vor Mitgefühl, wenn es um Prinzessin Elsbeths Liebesleben geht. Mit leuchtendem, koloraturstarkem Sopran singt Adela Zaharia diese arme Königstochter, die zur Schachfigur im politischen Ränkespiel degradiert werden soll, in raunender, von mancherlei altertümlicher Wendung durchsetzter Diktion souffliert Dominique Horwitz dazu als Erzähler die verknäulte Handlung des im französischen Original gesungenen Stücks.

Die Gegner des holden, ungleichen Paars zeichnet Offenbach in gewohnt grotesker Manier. Dominik Köninger gibt den aristokratischen Möchtegern-Gemahl wortschwallgewandt, und Titus Engel sorgt in den vielen Ensembleszenen für eine angemessen quecksilbrige Atmosphäre, bis hin zum überraschenden, pazifistischen Schluss, den Offenbach nach der traumatischen Kriegserfahrung angeklebt hat. Fantasios forsche Forderung, die Herrscher mögen ihre Konflikte doch bitte von Mann zu Mann austragen und nicht das Volk als Kanonenfutter mit hineinziehen, soll übrigens in der revanchistischen Stimmung von 1872 für den Misserfolg des Stücks verantwortlich gewesen sein. An der Musik jedenfalls kann es nicht gelegen haben.

Am 16. Februar um 19.30 Uhr gibt es eine weitere „Fantasio“-Aufführung in der Komischen Oper, Deutschlandradio sendet einen Mitschnitt am 12. März ab 19 Uhr.

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