Kultur : Farbe bekennen

NICOLA KUHN

Erst ziert er sich, wie es seine Art ist.Doch am Wickel der forschen Pressedame von der Bundesbaugesellschaft verläßt der große Meister schließlich doch seinen Standort in sicherer Distanz, um der Besuchergruppe sein Werk zu erläutern.Schließlich befindet es sich im Haupteingang des Reichstagsgebäudes, ist mithin erstes Kunstwerk am Platze und bedarf dort durchaus der Erklärung.Was gar nicht so einfach ist.Denn Sigmar Polke schuf für das Westfoyer des Wallotbaus fünf Vexierbilder, die mit sich ändernden Perspektive der vorbeikommenden Besucher wie "Wackelpostkarten" hin- und herspringen, also sich gar nicht so genau fixieren lassen.Das Motiv des parlamentarischen "Hammelsprungs" ist zu erkennen in Gestalt zweier bockspringender Beamten, ein auf hohem Seil balancierender Eulenspiegel, das sich verflüchtigende Germania-Denkmal.Polke scheint sich hier in der Rolle des Schelms, des Malers mit der Narrenkappe zu gefallen, der dem mit Ehrfurcht die Eingangstreppen emporgestiegenen Besucher zumindest das Schmunzeln zurückgibt und der bombastischen 33 Meter hohen Foyerhalle einen Hauch von Heiterkeit verleiht.

Den kann sie vertragen, auch als Widerpart zum künstlerischen Empfang zur Linken des Eintretenden, zu Gerhard Richters monumentalen, bis zur Decke reichenden Tafeln in Schwarz-Rot-Gold.Während erste Hermeneutiker die monochromen Scheiben bereits als ironische Brechung der deutschen Nationalfarben - siehe: spiegelnde Oberfläche - interpretieren haben, wollen pragmatische Betrachter in den untereinander gesetzten Kompartimenten nur eine Verwechslung mit der ähnlich angeordneten belgischen Flagge sehen.Willkommen im Reichstag jedenfalls, willkommen im Deutschen Bundestag, in dem in einem Umfang wie keine Nation zuvor am wichtigsten Ort parlamentarischer Vertretung auch der Kunst ein Mitspracherecht eingeräumt worden ist.Acht Millionen Mark standen zur Verfügung, die berühmten zwei bis drei Prozent der Bausumme als "Kunst am Bau".Ein Kunstbeirat sollte es richten, fachlich begleitet von den beiden Sachverständigen Götz Adriani (Kunsthalle Tübingen) und Karin Stempel (Museum Mülheim).

Doch was gehört ins Hohe Haus? Welche zeitgenössische Kunst paßt zur historischen Stätte, in der die Politik der Zukunft gemacht wird? Der Eiertanz konnte also beginnen.Zumindest die Aufforderung ist den Sachverständigen galant gelungen, indem sie "herausragende Vertreter und Vertreterinnen jener deutschen Künstlergeneration um ihre gestalterischen Vorschläge (baten), die erstmals in breiterem Rahmen das internationale Kunstgeschehen mitgeprägt (...) und auch im Ausland das Bild der Kunst in Deutschland maßgeblich bestimmt" haben.Neunzehn Künstler wurden geladen, von sieben bereits vollendete Werke angekauft, hinzu kamen zwei Leihgaben.Das macht unterm Strich keineswegs einen Querschnitt deutscher Kunst, sondern vielmehr eine Liste jener Namen, wie sie zum Standardrepertoire jedes westdeutschen Museums gehören: die Malerfürsten Richter, Polke, Baselitz, Lüpertz, Kiefer; außerdem die ältere Generation der Abstrakten: Graubner, Pfahler, Geiger, Schumacher.Das war so sicher vorauszusehen, wie das "Die Sitzung ist geschlossen" im Bundestag.Als Überraschungskandidaten blieben nur die ausländischen Gäste (jeweils einer für die alliierten Mächte) und die ostdeutschen Künstler, die selbst zehn Jahre nach dem Mauerfall nicht die Aufnahme in den westlichen Kanon geschafft haben.Die nun getroffene Entscheidung ist nicht so schnell zu revidieren; sie reflektiert nicht nur den Stand offizieller Kunst im Jahr des Regierungsumzugs, sondern auch die Standhaftigkeit des Marktes.

Dennoch hat sich die getroffene Auswahl dort am glücklichsten gefügt, wo man es am wenigsten erwartet hätte, und auch die Bemühung der Maler um Auseinandersetzung mit dem besonderen Ort hat Ergebnisse gezeitigt, die dieser Stätte würdig sind.Dazu gehört etwa Georg Baselitz in der Nordhalle mit seiner Hommage an Caspar David Friedrich und die deutsche Romantik.Mögen die beiden Gemälde in lasierenden Rosatönen mit schwarzen, rahmenden Figurationen auch zu hoch hängen, um in ihnen jene Holzschnitte von Friedrichs Bruder zitiert zu sehen, die Erinnerung an den großen deutschen Maler muß jeden Betrachter versöhnlich stimmen.

Ein wenig hatte darauf wohl auch Markus Lüpertz spekuliert, der mit seinem Gemälde für das Abgeordneten-Restaurant an die Rheinreise des britischen Malers William Turner erinnerte.Hier reicht das bißchen verwaschene Rheinromantik allerdings nicht, um Einfühlungsvermögen zu dokumentieren, mag der Düsseldorfer Künstler auch sein Werk vertieft in die steinerne Wand eingelassen haben.Einen ungleich schwereren Kampf mit speisenden Parlamentariern hat Bernhard Heisig aufgenommen, indem er ein sechs Meter breites Panoramabild deutscher Geschichte für die Cafeteria schuf.Hier hat er sich gegen lindgrüne, babyblaue, pastellrosa farbene Stapelstühle durchzusetzen.Am unteren rechten Rand scheint sich der Maler mit weit aufgerissenen Augen selbst verewigt zu haben.Womöglich meinte der bis zuletzt als Reichtstagskünstler umstrittene Malerstar aus der ehemaligen DDR mit dem Bildertitel auch sich selbst: "Pflichttäter".Denn er hat als einziger lebender Künstler aus dem Osten eine ganze Bruderschaft zu vertreten, die ansonsten nur in Nachlässen vorkommt: Von Altenbourg und Glöckner wurden Papierarbeiten angekauft, Carfriedrich Claus konnte vor seinem Tod im vergangenen Jahr nur noch die Anordnung seiner im freien Raum, auf Höhe der Besucherrampe hängenden Sprachbilder bestimmen.

Überhaupt wird das Volk von der Kunst am wenigsten haben; die meisten Werke befinden sich in den nur Parlamentariern vorbehaltenen Bereichen.Zu den wenigen Ausnahmen gehört auch das digitalisierte Sprechband der Amerikanerin Jenny Holzer, dem übrigens einzigen Beitrag mit neuen Medien.Sie plazierte ihren Schriftpfeiler in die nördliche Eingangshalle, wo der Besucher Ausschnitte aus Abgeordneten-Reden seit 1919 einschließlich Zwischenrufe flimmern sieht: "Oho, sehr richtig! Wenn es in Ihrer Macht steht, erklären zu können ..." Auch der Franzose Christian Boltanski gedenkt in seiner bekannten Archivar-Manier der Abgeordneten, indem er jedem eine seiner berühmten metallenen Kekskisten widmete und daraus einen Korridor von 10 Meter Länge und 1,50 Meter Breite schuf.In diesem nur sparsam von Glühbirnen beleuchteten Gang geht der Besucher physisch zurück in die Vergangenheit; Namen von Abgeordneten der DDR-Volkskammer wird er hier allerdings vergeblich suchen.

Während der Beitrag des russischen Künstlers Grisha Bruskin - ein "Fundamentales Lexikon" des Sowjetmenschen - bei der Vorbesichtigung noch nicht zu sehen war und nach den Tagen der offenen Tür den Blicken eines größeren Publikums auch künftig entzogen bleibt, wird der Beitrag des vierten "alliierten" Künstlers hingegen der Allgemeinheit gehören: die gläserne Kuppel des Architekten Norman Foster.Dem Beirat war sein Technikcoup auf dem Dach des Reichstags Kunstwerk genug, nicht so dem Meister selbst: er legte auch noch persönlich an die Gestaltung des Bundesadlers Hand an, um ihn dann für alle durch die gläserne Plenarsaal-Wand sichtbar von hinten zu signieren.Überhaupt scheint es, als wäre Foster am liebsten einziger "Künstler" im Hause geblieben.Die starkfarbigen, meterhohen Wandpaneele, hinter denen sich die gesamte Haustechnik verbirgt, machten es den geladenen Malern fast unmöglich, eigene Akzente zu setzen.So mancher wäre besser beraten gewesen, die Finger ganz von dem Unternehmen zu lassen.Doch diese Ehre wollte sich keiner nehmen lassen.Ähnlich wie Gerhard Richter in der Eingangslobby ließen sich vor allem die Abstrakten zum Kunstgewerblichen drängen; unglücklichste Figur macht da Georg Karl Pfahler, der im Sitzungssaal des Ältestenrates den Wettstreit offensiv aufnahm und seine Farbfelder über die blaue Wandverkleidung lappen ließ.

Einzig drei Künstlern war es vergönnt, in einem quasi-musealen Rahmen zu arbeiten.Günther Uecker konnte sich seinen Raum komplett selbst gestalten, da er den Auftrag hatte, eine allgemeine Andachtsstätte zu schaffen, der für alle Religionen benutzbar ist.Die seriellen Papierarbeiten von Lutz Dammbeck und Hanne Darboven kamen in die äußerst sparsam möblierten und nur von oben beleuchteten Lobbys der SPD- beziehungsweise CDU-Fraktion.Hier verflüchtigt sich plötzlich der Pomp der Wallotschen Dimensionen, die Foster aus dem historischen Bau wieder herausschälte, hier quietschen auch nicht die Farben, die sein dänischer Raumgestalter ansonsten den Türen und Wandpaneelen angedeihen ließ.Ganz ruhig wird es plötzlich an diesen beiden Orten, und man könnte angemessen Blatt für Blatt betrachten, wäre man wirklich im Museum.

Doch ein Bundestag ist keine Kunsthalle, und der fromme Vorsatz, daß sich nicht nur die Werke des Ortes, sondern auch die künftigen Benutzer der Kunst als würdig zu erweisen haben, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.Ein eigener Kurator zu ihrem Schutz ist jedenfalls bestellt.Ein besonderes Auge dürfte er vor allem auf das Beuys-Werk "Tisch mit Aggregat" haben.Noch beim letzten Bundestag, dem Behnisch-Bau, war durch den Protest von CDU und FDP durfte es nicht hinein; nun hat es diese Hürde genommen.Zumindest dieses Künst-Stück ist man also weiter.

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