Kultur : Farbe der Natur, Natur der Farbe

Rubens gegen Poussin: Eine Ausstellung im französischen Arras rollt den alten Streit um Kolorit und Zeichnung wieder auf – zum höheren Ruhme der Kunst

Bernhard Schulz

1671 stellte der Maler Philippe de Champaigne in der Königlichen Akademie der Malerei und der Skulptur Tizians soeben für Ludwig XIV. erworbenes Gemälde „Jungfrau mit Kind“ von 1520 vor. Den Venezianer pries er als „größten aller Koloristen“. Gleichwohl bezeichnete er die Farbe als „schöne Erscheinung, die nicht für sich allein bestehen“ könne. Die Farbe bedürfe der Grundlage einer genauen Zeichnung. So begann ein Streit, der sich durch die französische Kunst bis ins 20. Jahrhundert zieht. Denn für das Primat der Zeichnung stand Nicolas Poussin, 1665 in Rom verstorben, für den Vorrang der Farbe oder genauer des „Kolorits“ hingegen der 1640 gestorbene Flame Peter Paul Rubens. Noch im selben Jahr 1671 stellte sich ein anderer Maler, Gabriel Blanchard, auf die Seite von Rubens – und erklärte polemisch, wenn man den Rang der Farbe herabsetze, so mindere man den der Maler selbst.

„Rubens contra Poussin“ ist die Ausstellung überschrieben, die das Musée des Beaux-Arts im nordfranzösischen Arras – einer wichtigen Festungsstadt Ludwigs XIV. – derzeit ausrichtet. Sie umfasst nur 46 Arbeiten – und ist doch vollkommen ausreichend bestückt, um den „Streit um das Kolorit in der französischen Malerei gegen Ende des 17. Jahrhunderts“ – so ihr Untertitel – zu erläutern. Die Einbindung in das Programm der Kulturhauptstadt „Lille 2004“ machte es möglich, für die Provinzstadt die charakteristischen Werke dieser querelle zu gewinnen.

Der Auftakt ist Atem beraubend: Mit Tizians „Jungfrau mit Kind“ ist der Ausgangspunkt der Debatte zugegen. Die konträren Positionen werden markiert von zwei Darstellungen der Heiligen Familie. Diejenige von Poussin – der das Sujet vielfach variierte – stammt gleichfalls aus der Sammlung des Sonnenkönigs, wurde allerdings erst 1685 erworben. Diejenige von Rubens ist gleichfalls eine von mehreren Fassungen des Themas, hier aus der Zeit um 1629.

Zum Anwalt von Rubens machte sich der Diplomat und Amateurmaler Roger de Piles. „Das Kolorit, begleitet vom Helldunkel, erlaubt dem Maler, eine Szene zu erfinden, die nach der Natur zu malen nicht möglich ist“, erklärte de Piles – und sein Diktum galt für alle Historienmalerei, also die höchste Gattung der Kunst, handele es sich um biblische oder antike Szenen. Darin steckte eine Kritik an Poussin, war er es doch, der in diesen beiden Untergattungen der Historienmalerei den Maßstab gesetzt hatte. Kolorit, so de Piles, sei nicht das beliebige Nebeneinander einzelner Farben, sondern Harmonie ihrer Gesamtheit. Die Szenerie bei Rubens vergleicht der Autor mit einer „Traube“, deren Einzelteile das Auge ohne Ablenkung zusammenfassen und zugleich ohne Verwirrung unterscheiden könne.

Beide Maler, Poussin und Rubens, hatten Nachfolger unter den zeitgenössischen Künstlern, und aus beiden „Lagern“ zeigt die Ausstellung exemplarische Werke, oft in Gegenüberstellung zum selben Thema, wie den „Einzug Christi in Jerusalem“, einmal von Charles Le Brun (1619–1690), zum anderen von Nicolas de Largillierre (1656–1746), beide zu ihrer Zeit hoch geschätzt. Die „Rast der Diana“ wird an drei Beispielen vorgeführt, einmal vom „Poussinisten“ Louis de Boulogne 1699 und zum anderen von den „Rubenisten“ Antoine Coypel und Charles de La Fosse, deren farbglühende Schattenpartien die Forderungen de Piles’ aufs Beste erfüllen. So wird die Ausstellung in Arras zu einer perfekten Schule des Sehens – und einer beinahe melancholischen Etude über einstige Malkultur.

Im Übrigen ging es um weit mehr als eine ästhetische Meinungsverschiedenheit. Dahinter steckt die Sorge um die richtige Ausbildung des Nachwuchses – vor allem aber, es ist die Zeit des Absolutismus, die Gunst und die Aufträge des Hofes. Noch waren die Künstler nicht lange dem niederen Status des Handwerkers entwachsen. In Frankreich bedurfte es der Gründung der Akademie durch Ludwig XIV., um den gegen die Zünfte aufbegehrenden Künstlern die ersehnte Freiheit von ständischen Beschränkungen zu verschaffen.

Und noch ein Gemälde ist in Arras – quasi als Vorwort – zu bewundern: „Die Vereinigung der Zeichnung und der Farbe“ des Bologneser Malers Guido Reni, die um 1625 entstandene allegorische Darstellung dieser beiden Disziplinen der Malerei. Gabriel Blanchard, Mitstreiter der querelle du coloris, erwarb es 1685 für Ludwig XIV., wohl auch als pointierte Stellungnahme zu der zunehmend als spitzfindig empfundenen Kontroverse. Reni zeigt nämlich, dass Zeichnung und Farbe ein einiges Paar bilden – und genauso sind zwar nicht dieses (übrigens niemals zuvor für eine Ausstellung hergeliehene!) Bild, wohl aber zwei andere des bewunderten Bolognesers in der Akademie vorgestellt worden. Dem heutigen Betrachter fällt es nicht ganz leicht, die Kontroverse nachzuvollziehen. Denn deren exemplarische Bilder, wie sehr sie sich auch unterscheiden, fügen sich aufs Schönste ein in das strahlende Gesamtkunstwerk Barock.

Arras, Musée des beaux-arts, bis 14. Juni., Mi–Mo 9:30–12 / 14–17:30 Uhr, Do 9:30–17:30 Uhr. Katalog 35 €.

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