Kultur : Farbe und Freiheit

Ulrich Deuter

Nicht nur in den USA kreisen die Keulen der political correctness, auch wohl in England und hinter den geschlossenen Türen der Psychiatrie. Dort tief hinein führt uns nun "blau / orange", das auf der Insel mit allerhand Preisen ausgezeichnete neue Stück des jungen Londoner Dramatikers Joe Penhall, das jetzt in Essen seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte. Der Patient Chris ist ein "Typ 1 Schizophrener einschließlich der Neigung zum Verfolgungswahn", so die Diagnose seines behandelnden Arztes Bruce. Chris aber ist noch etwas anderes, nämlich dunkelhäutiger Afrikaner. Und daher stellt Oberarzt Robert die Frage, ob Chris in seiner verwirrten Renitenz nicht kerngesund und die medizinische Begrifflichkeit falsch, nämlich ethnozentristisch, also rassistisch sei.

Robert hat eine These der kulturellen Determiniertheit von Wirklichkeit entwickelt: "Afrikanische Stammesangehörige entwickeln Illusionen über Zauberer, wir in der westlichen Welt welche über die Spice Girls oder Marsmenschen." Weswegen Chris umgehend zu entlassen sei. Allerdings, das Ringen der Ärzte um die heuristischen Voraussetzungen wissenschaftlicher Nomenklatur ist in Wahrheit ein Freistilkampf: Bruce, der sich einerseits um einen seiner Meinung nach gefährdeten Patienten sorgt, buhlt andererseits um Anerkennung durch seinen Vorgesetzten Robert, dieser wiederum braucht Fallbelege für seine Theorie, mit der er sich habilitieren will. Chris selbst will raus aus der Anstalt, ein letzter Test aber fördert zu Tage, dass er Orangen für blau hält.

Bruce triumphiert, Robert jedoch hält das für wenig irre. Er zitiert Paul Eluard: "Le monde est bleu comme une orange" - blau oder orange, ein kultureller Code. Am Ende eines immer erbitterteren Hahnenkampfs, ist Chris zwar entlassen, Bruce aber auch. Und die Klinik hat wieder eine bessere Bettenquote. Ingo Biermann spielt Bruce als einen freundschaftlich herablassenden Sozialarbeiter in Sweatshirt und Cordhose, der sich dem Oberarzt in seiner unangreifbaren, Fliege tragenden Überlegenheit gegenüber in einen hoffnungslosen Schleuderkurs aus Auflehnung und Unterwerfung verrennt. Hannes Fischer ist die dominierende Figur in Jürgen Bosses genauer und etwas zu schwerfälliger Inszenierung.

Penhalls dialogisch hervorragend gebautem, intelligentem Zeitstück aus der angelsächsischen Schreibschule aber tut auch relativ schwache Schauspielkunst keinen Abbruch. Es sollte, schon allein wegen seiner sehr komischen Unterströmung, nachgespielt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben