Kultur : Farben des Begehrens

Sanft ins Schreien verliebt: Die Schauspielerin Julie Delpy präsentiert sich in der Berliner Kulturbrauerei als Sängerin

Julia Büttner

Seien wir ehrlich: Julie Delpy ist keine annähernd so gute Sängerin wie Schauspielerin, und wird es auch niemals sein. Ihre erste, nach ihr selbst benannte CD dürfte auch kaum der wahre Grund sein für den Andrang im intim-kuscheligen Palais der Berliner Kulturbrauerei. Man ist da, um sie anzusehen. In echt. Um in ihren Bewegungen die Bewegungen der kindlichen Sabeth aus Schlöndorffs „Homo faber“ wiederzufinden, und in ihrem Lächeln das Lächeln der Dominique aus Kieslowskis „Drei Farben: Weiß“. Um die Lippen zu sehen, die in „Before sunrise“, dieser romantischsten aller Lovestories, von Ethan Hawke geküsst wurden. Eine Frau, die immer zu zart, zu durchscheinend, zu makellos wirkte, um ganz von dieser Welt zu sein. Und doch tritt sie ohne die bei Popkonzerten übliche Verspätung auf die Bühne und ist unleugbar real, etwas älter als man dachte, etwas kleiner und schlanker – und einfach wunderschön. Daran können nicht mal die furchtbaren Röhrenjeans und knatschgelben Stöckelschuhe etwas ändern. Die Akustikgitarre in der Hand und vier Musiker im schlunzigen Grunge-Look im Rücken, für die der Abend keine große Herausforderung werden wird. Erster Eindruck: Dort steht eine, die erfüllt sich ihren Klein-Mädchen-Traum und spielt Sängerin. Zweiter Eindruck: Julie Delpy muss einfach mal über ihr Leben reden. So singt sie mit ihrer durchaus guten und festen Stimme von Ex-Lovern und unerwiderter Liebe und lacht dabei ein Lachen, dem man das Rauchen deutlich anhört – „of course, this never happend to me“. Vielleicht klingen die Lieder deswegen eher fröhlich, krachen nach dem stets ähnlichen, melancholisch-sanften Einstieg die Gitarren in amerikanischer Angry-young-girl-Manier à la Alanis Morisette. Von französischem Chanson keine Spur. Die Stücke stehen in der Tradition amerikanischer Folksongs, und Julie Delpys Englisch ist so makellos, dass man hinsichtlich ihrer Nationalität kurz ins Schleudern gerät: Aber sie ist doch Französin, oder? Ja doch, „je t’aime autant“ singt sie in ihrer Muttersprache und beendet es mit einem überdrehten „oh làlà!“.

„I love screaming“ verkündet sie atemlos, ihren Liedern tut sie damit allerdings keinen Gefallen. Die sind dann am besten, wenn sich die Gitarren im Hintergrund halten und ihrer Stimme den Vortritt lassen, die sie ständig zu erschlagen drohen. Indes, die Stücke unterscheiden sich kaum voneinander, und irgendwie hat man das woanders schon mal so ähnlich und noch besser gehört. Doch im Saal gibt es eine geheime Übereinkunft, alles gut zu finden, was Julie Delpy tut, und als sie nach anderthalb Stunden von der Bühne hüpft, denkt man milde: Na, Hauptsache, auch sie hatte ihren Spaß.

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