Kultur : Farbentanz

Christian Theunert bei Gräfe art.concept.

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Hoffnung und Skepsis. Theunerts Pastell „Das Leben ist ein Tanz“ (1948). Foto: Galerie
Hoffnung und Skepsis. Theunerts Pastell „Das Leben ist ein Tanz“ (1948). Foto: Galerie

Eine Wohnstube, zwei Akte, formatfüllend. Aufgekratzt tanzen sie auf dem Tisch und um ihn herum. Ihre Körper dynamisch und amorph aus kräftig leuchtenden Farben. „Das Leben ist ein Tanz“ hat Christian Theunert sein Pastell von 1948 genannt. Der Krieg war vorbei, der Künstler hatte im Jahr zuvor eine Stelle als Dozent für Kunsterzieher in Potsdam angetreten. Doch der Blick durch das kleine Fenster ist verschlossen. In das Motto für die frohe Zukunft mischt sich Skepsis.

Christian Theunert musste seine Künstlerkarriere drei Mal beginnen. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als 18-Jähriger schwer verletzt überlebt hatte, und einer Lehre als Holz- und Steinbildhauer studierte der gebürtige Rheinländer Malerei und Bildhauerei in München und Berlin. Dort lebte er nach der Meisterschülerprüfung bei Edwin Scharff ab 1930 als freischaffender Künstler. Vier Jahre später eine erste Einzelausstellung – die wurde von den Nazis geschlossen, die Kunst vernichtet, das Berufsverbot folgte. Was gerettet werden konnte oder entstanden war, als Theunert sich offiziell mit Hilfsarbeiten durchschlug, ließ er 1942 auf der Flucht vor der drohenden Verhaftung zurück.

So wenig Theunert sich dem Kunstdiktat der Nazis gebeugt hatte, so wenig stimmte er später in die realsozialistische Doktrin ein. 1949 bekam der streitbare Geist die fristlose Kündigung wegen „Sabotage an den Erziehungsbestrebungen der DDR“. Erneut ließ Theunert seine Arbeiten zurück, floh nach West-Berlin, wo er 1981 starb, vom Kunstbetrieb weitgehend vergessen.

So zeugt in der Ausstellung „Zum Entdecken“ nur Weniges aus dem Frühwerk von Theunerts temperamentvollem Umgang mit Farben und Formen. Im „Pferdebändiger“ von 1937 lösen sich Mensch und Tier in Rot-, Orange-, Grün- und Gelbtönen auf, kämpfen gegeneinander und verschmelzen zugleich. Theunert findet zu einer Art organischem Kubismus, der an Ernst Wilhelm Nays Bilder der späten dreißiger Jahre erinnert. Sie mögen sich aus Studienzeiten gekannt haben, wer von wem inspiriert wurde, sei dahingestellt.

Insgesamt wirken die malerischen und zeichnerischen Papierarbeiten sowie die archaisch reduzierten Skulpturen wie ein Wandel durch die Stile der Klassischen und der Nachkriegsmoderne. Dieses Manko des brillanten Technikers verdeutlicht die Ausstellung in ihrer Fülle von fast 50 Arbeiten. Bei den Reiter-Bronzen stand Marino Marini Pate, bei der witzigen „Kleinen Tänzerin“ winkt Max Ernst, über allem schwebt das große Vorbild Picasso. Eine originäre Handschrift fehlt. Was nicht gegen die Qualität spricht – die gibt es zu Preisen von 400 bis 6000 Euro –, doch eben auch erklärt, warum Theunert in Vergessenheit geriet.Michaela Nolte

Gräfe art.concept in der Galerie Sandmann, Taubenstr. 20-22, bis 21. Juli; Mi-Sa 11-19 Uhr. Am 15. Juli um 11.30 Uhr liest Ana Fonell Gedichte von Christian Theunert.

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