Kultur : Farbgewitter im Frühling

Von Caspar David Friedrich bis Keith Haring: Werke der kommenden Auktion in der Berliner Villa Grisebach

Michaela Nolte

Schon die Ausmaße von Keith Harings „Untitled“ konterkarieren die scheinbare Verspieltheit: Über zweieinhalb Meter Höhe und eine Breite von fünf Metern dominiert effektvolles Rot das typische Formenvokabular des einstigen Underground-Künstlers, samt der schwarzen Strichmännchen, die längst zu Ikonen geworden sind. Das akribische Datum vom 26. August 1987 legt nahe, dass Haring die kapitale Leinwand an einem Tag gemalt hat – eine Fertigkeit aus der Zeit der illegalen Graffiti-Aktionen, die er auch nach seinem kometenhaften Aufstieg beibehielt. So schnell und spontan, wie seine Bilder entstanden, so rastlos lebte der nur 31-jährig an Aids verstorbene Künstler. Aus einer süddeutschen Sammlung kommt das Monumentalbild mit 500000 bis 700000 Euro als Spitzenlos der „Ausgewählten Werke“ in der Villa Grisebach jetzt zur Versteigerung.

Ansonsten pendelt sich die Nachkriegskunst in der Villa Grisebach auf gewohnt hohem Niveau bei Schätzungen um 40000 bis 60000 Euro – etwa für Franz Radziwills mysteriös leuchtende Gemälde oder eine 1964 gezeichnete „Sächsische Landschaft“ von Georg Baselitz – ein. Für die abstrakten Meister Willi Baumeister und Ernst Wilhelm Nay gehen die Erwartungen bis 150000 Euro für Nays pastellenes „Rosa und Türkis“, das eigentlich von flirrendem Gelb bestimmt wird, respektive bis 240000 Euro für Baumeisters aus „Montaru“-Formen entsprungenem „Schwarzer Fels auf Grau“. Über Werner Heldt schrieb Karl Ruhrberg einst: „Das Chaos ist zur Hieroglyphe erstarrt, Unruhe und existenzielle Bedrohung zur Form sublimiert.“ Im „Stillleben am Fenster“ kommen diese Eigenschaften 1953 aufs Schönste zur Geltung (80000–100000 Euro).

Ausgewähltes der klassischen Moderne kommt – neben Otto Dix’ berühmtem Aquarell „Mädchen mit Rose“ für stolze 350000 bis 450000 Euro – von Paula Modersohn-Becker, deren um 1904 in gedämpften Farben gemaltes „Stillleben mit Kohl und grünen Bohnen II“ mit 250000 bis 350000 Euro bewertet ist. Das Vorbild Cézanne’scher „Nature morte“ schwingt ebenso mit wie die originäre Modernität der 1907 jung verstorbenen Künstlerin. Ihr früheres und überaus faszinierendes Bildnis „Kleines Mädchen mit Schürze“ wird mit 50000 bis 70000 Euro aufgerufen.

Ebenfalls mit 250000 bis 350000 Euro ist Lovis Corinths hinreißendes Stillleben „Tulpen, Flieder und Kalla“ aus dem Jahr 1915 taxiert. Zudem brilliert die Hauptauktion mit Caspar David Friedrichs um 1815 gefertigter und marktfrischer Tuschzeichnung zweier Segelschiffe (40000–60000 Euro), hochkarätiger Druckgrafik der Klassischen Moderne sowie Arbeiten auf Papier von Max Ernst und Pablo Picasso, die um 90000 Euro zum Aufruf kommen.

Mit knapp 350 Losen hält der Katalog des 19. und 20. Jahrhunderts ein ebenso breites wie spannendes Spektrum im mittleren Preisgefüge bereit, das von Impressionismus und Jugendstil über die frühen Avantgarden bis zu Gegenwartskünstlern wie Marlene Dumas oder Cornelia Schleime reicht. Eine gesonderte Charity-Versteigerung ist der Sammlung Claudia von Schillings, der letztjährig verstorbenen Grisebach-Repräsentantin für die Schweiz und Italien, gewidmet, deren Erlös der von ihr gegründeten Stiftung für Brustkrebsforschung zugute kommt.

Den Auftakt der fünfteiligen Auktionsstaffel in der Villa Grisebach, deren Gesamtvolumen bei über zehn Millionen Euro liegt, macht die Fotografie. Licht- und Schattenwirkung kalifornischer Dünen paarte Ed Weston kongenial mit den Formen des weiblichen Körpers. Aus der 1936 entstandenen „Oceano“-Serie, die der Meister der „Straight Photography“ selbst zu seinen besten Aktaufnahmen zählte, stammt ein Abzug aus den Vierzigerjahren, der die Preisskala der rund 340 Losnummern mit 20000 bis 25000 Euro anführt. Weitere Klassiker der Fotogeschichte sind mit Karl Blossfeldts Kontaktabzug einer Pflanzen-Collage (8000–12000 Euro) oder Imogen Cunninghams auf 15000 bis 18000 Euro geschätztes Selbstbildnis aus den 1910er-Jahren vertreten sowie mit Architekturfotografie von Werner Mantz oder Lucia Moholy.

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