Kultur : Farbige Träume

Der Komponist György Ligeti wird heute 80 Jahre alt

Ulrich Pollmann

Sie suchen einen lebenden Komponisten, dessen Werk geeignet ist, dem mit zeitgenössischer Musik Unvertrauten Zugang zu dieser faszinierenden Welt zu verschaffen? Wie wär’s mit György Ligeti: Der heute vor 80 Jahren in Siebenbürgen Geborene würde das vermutlich als Kompliment auffassen, liegt ihm doch die unmittelbare sinnliche Wirkung seiner Musik am Herzen. Fasziniert von Mathematik und Biologie, komponiert er nicht ohne Freude am Abstrakten, findet aber den Weg zur unmittelbaren Wahrnehmbarkeit. Formen, Farbe, Licht und organische Muster verbindet er mit Klangvorstellungen. Er ist Trends genauso abhold wie avantgardistischen Dogmen.

Die Flucht aus dem kommunistischen Ungarn führte Ligeti 1957 nach Köln, wo er von Karlheinz Stockhausen und Herbert Eimert gefördert wurde. Mit den Orchesterstücken „Apparations“ und „Atmosphères“ gelang ihm 1960/61 der Durchbruch. Die hier erstmals verwirklichten Kompositionsverfahren führten zu großen, in sich vielfältig schillernden und bewegt verwobenen Klangflächen. Stanley Kubrick verwendete in seinen Filmen „2001-Odyssee im Weltraum“ und „Shining“ Musik von Ligeti.

Rastlos ist Ligeti bis heute, kritisch gegen viele seiner Werke, auch gegen sehr erfolgreiche wie seine einzige Oper „Le Grand Macabre“ (die am 22.Juni an der Komischen Oper Berlin herauskommt). 1982 wurde ihm die Konfrontation mit zentralafrikanischer Musik zum Initialerlebnis: Die Auseinandersetzung mit ethnischer Musik, speziell mit afrikanischer Polyrhythmik, ist seither aus Ligetis Schaffen nicht mehr wegzudenken. Mit Multi-Kulti hat das nichts zu tun, Elemente verschiedener Kulturen werden in komplexen Prozessen zueinander in Beziehung gesetzt, Verwandtes und Trennendes minutiös herausgearbeitet. Bei aller Unrast hat Ligeti sich doch ein kleines Zuhause der kompositorischen Kontinuität geschaffen: Seine Klavieretüden sind seit fast 20 Jahren sein liebstes Kind, immer kommen neue hinzu.

Wer mehr über Ligetis Lebensweg, seine Inspirationsquellen und die sehr unterhaltsamen Auffassungen zu Zeitgenossen erfahren will, findet in „Träumen Sie in Farbe?“ (Zsolnay Verlag) Gespräche, die Eckhard Roelcke mit dem Komponisten führte. Mit Berlin verbindet Ligeti übrigens viel. Eine ihm angebotene Professur an der HdK verschwand in internem Gerangel, das von ihm heiß geliebte Institut für traditionelle Musik der FU wurde geschlossen, und aus der Akademie der Künste trat er nach heftigem Streit mit Walter Jens über die Verfahrensweise bezüglich stasibelasteter Mitglieder aus. Trotzdem spricht er in warmen Worten von Berlin als seiner Heimat.

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