Kultur : Farbrausch und Klanggischt

Zum Abschluss des Berliner Klavierfestivals.

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Nach seinem fulminanten Debüt im vergangenen Jahr sorgt Benjamin Grosvenor erneut für die Krönung des Berliner Klavierfestivals im Kleinen Saal des Konzerthauses. Der zwanzigjährige Brite, einst „Wunderkind“ und seit zehn Jahren im Geschäft, ist mittlerweile auf dem Weg zum Tastenstar, und es ist erfreulich festzustellen, dass ihm die zunehmend überschwängliche Aufmerksamkeit nicht geschadet hat. Beglückend zeugen fünf klangvoll-sensibel gestaltete Bach-Transkriptionen von einer Reife, die überbordende Fantasie zugunsten struktureller Klarheit bändigt. Doch nie steht Überlegung, Intelligenz oder die ökonomisch eingesetzte, alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit bewältigende Technik im Vordergrund. Grosvenor geht es ums „Musizieren an sich“, Lust am Farbrausch, entspanntes, fast meditatives Nachhören und Nachspüren – und damit auch um Überwindung der Klaviermechanik und ihres entschwindenden Tons. Wie er die Spannung im Largo von Beethovens Es-Dur-Sonate op.7 zu halten vermag, ihre Akkordschläge im Übergang zu schmelzender Melodik plötzlich umfärbt, ist überwältigend. Dabei hat dieser Beethoven nichts Romantisierendes, ist stilsicher pulsierend, spritzig und atemberaubend präzise. Im eigenwilligen, gleichwohl schlüssigen Programm sind Skrjabins frühe Mazurken und eine „Valse“ op. 38 leuchtend-melancholische Entdeckungen, trumpft Chopins Fis- Moll-Polonaise dramatisch auf, bevor Grosvenor mit verschmitztem Charme in Schulz-Evlers Paraphrase „An der schönen blauen Donau“ die Klangwellen aufgischten und zerstäuben lässt.

Auch diesmal ist Barnaby Weilers Konzept aufgegangen, fünf in Berlin wenig bekannte Pianistenpersönlichkeiten zu präsentieren, die die hiesige Klavierszene mit eigenen Akzenten beleben können. Nach dem von kühler Souveränität und elegantem Spielwitz geprägten Einstieg des Marc-André Hamelin und dem eher akademisch-trockenen Schubert-Spiel des Brendel-Eleven Paul Lewis gelingen Janina Fiolkowska poetische, feinnervige Schubert-Impromptus, im heiklen Passagenwerk von glitzernder Brillanz. Das ausdrucksvolle Chopin-Spiel der Kanadierin vermag Yevgeny Sudbin noch zu übertreffen. Auch der 33-jährige Russe, nach Studien an der Berliner Hochschule für Musik in London lebend, ist eine lohnende Entdeckung, wenn auch schon diesseitiger gehärtet als Grosvenor. Farbenreich gestaltet er vier Scarlatti-Sonaten, prunkt mit vitalem Debussy und tiefgründigem Liszt, bevor er sich in das intergalaktische Abenteuer von Skrjabins 5. Sonate stürzt. Isabel Herzfeld

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