Farid Nagim bei den Berliner Autorentheatertagen : Zurück zum Eisernen Vorhang

Der russische Dramatiker Farid Nagim ist zu Gast bei den Berliner Autorentheatertagen. Sein Stück „Der Tag der weißen Blume“ rechnet mit Russland ab. Im Interview spricht er über Putins Patriotismus und die Sowjet-Sehnsucht.

Geschichte wiederholt sich. Der Moskauer Autor Farid Nagim.
Geschichte wiederholt sich. Der Moskauer Autor Farid Nagim.Foto: Deutsches Theater

Das Geld, die Geschichte, die Menschen: Mit dem „Tag der weißen Blume“ von Farid Nagim werden am Donnerstag die Autorentheatertage 2014 am Deutschen Theater Berlin eröffnet. Der russische Dramatiker, geboren 1970 im Südural, arbeitete zunächst als Schweißer. Ein Stück aus einem Land der Brüche und Umbrüche: Im „Tag der weißen Blume“ verbinden sich das Chaos der Oktoberrevolution 1917 mit dem russischen Turbokapitalismus unserer Zeit. Regisseur Stephan Kimmig bringt den Text auf die Bühne – mit Heike Makatsch. Das Gespräch mit Farid Nagim hat die Kuratorin und Russlandexpertin Andrea Tatjana Wigger übersetzt.

Herr Nagim, „Der Tag der weißen Blume“ verbindet die Leidenswege zweier Geschwisterpaare zu verschiedenen Zeiten. Einmal in den Wirren der Oktoberrevolution, einmal im konsumberauschten Moskau der Jahrtausendwende. Sind Kommunismus und Kapitalismus nur zwei Seiten eines Übels?

Bei uns in Russland ist ein Aphorismus populär geworden: Alles, was man uns zu Sowjetzeiten über den Kommunismus erzählt hat, war erlogen. Alles, was man uns über den Kapitalismus vorgelogen hat, ist wahr.

Das Stück zeigt, wie die gesellschaftlichen Systeme auf die menschlichen Beziehungen durchschlagen. In Form von Vereinzelung, Missgunst und Verrat. Ein sehr pessimistischer Blick.

Meine Figuren kämpfen nur für ihr eigenes Wohl. Dieser Egoismus hat noch zugenommen, seit ich das Stück geschrieben habe. Das Hauptproblem ist aber, dass sich die Menschen freiwillig in die Sklaverei der Bildschirme begeben. In dem Moment, wo sie ihre Fernseher oder Tablets einschalten, schalten sie den Kopf aus. Es gibt keine Ideologie mehr und keinen Glauben, bloß noch Berieselung und die Bedürfnisse des Körpers. Mich erinnert dieser Zustand an ein ungeborenes Kind, das im Bauch der Mutter plötzlich zu wachsen aufhört.

Wie gegenwärtig ist die Vergangenheit in Russland noch?

Die Oktoberrevolution ist zweifellos ein tragischer Punkt in unserer Geschichte. Danach ist vieles falsch gelaufen. Die Schriftstellerin Anna Achmatowa hat mal gesagt, Russland sei im 17. Jahrhundert gestorben und danach nie wieder auferstanden. Ich denke, dass wir heute immer noch die Leiden durchmachen, die in dieser Zeit wurzeln.

Wie ist „Der Tag der weißen Blume“ in Russland aufgenommen worden?

Ich habe das Stück Anfang 2000 geschrieben, es bekam einigen Zuspruch von Kollegen und hat auch teilgenommen am Moskauer Festival für Junge Dramatik, Prosa und Poesie. Ich habe in der Folge das Jelzin-Stipendium für junge Autoren bekommen - bloß inszeniert worden ist es in Russland nie. Man hat mir gesagt, der Grund könne sein, dass im Stück Parallelen zwischen dem NKWD, dem vormaligen Innenministerium der UDSSR, und den repressiven Methoden des heutigen Geheimdienstes gezogen werden.

Was ist das Aktuelle Ihres Textes heute?

Die Beschreibung der Lebenssituation in Moskau. Für Zugereiste, überhaupt für einen Großteil der Einwohner, ist es sehr schwer, über die Runden zu kommen, einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle zu finden, sich gegen Krankheiten behandeln zu lassen. Aktuell ist auch, dass das Streben nach Freiheit, nach schöpferischem Ausdruck, nach sexueller Selbstbestimmung wieder in den Untergrund gedrängt wird.

Was tritt an die Stelle?

Ein verlogener Patriotismus und eine völlige Überschätzung der Kirche. Wissen Sie, während der Revolution war ein Lied sehr populär, „Fahr vorwärts, unsere Dampflok“. Heute lautet die Losung: Vorwärts, Russland - aber welche Richtung damit gemeint sein soll, ist vollkommen unklar.

Viele Ihrer Stücke sind überhaupt nur im Ausland inszeniert worden. Warum?

Eine Zeit lang habe ich mich selbst darüber gewundert. „Goebbels Tisch“ beispielsweise hat in Russland einen renommierten Preis gewonnen, in der Jury saß unter anderem der Regisseur Kirill Serebrennikov. Der sagte mir aber gleich, es würde schwer werden, das Stück in Russland zu inszenieren, weil es den Eindruck erwecke, es sei für den Westen geschrieben. Unter anderem, weil darin Homosexualität thematisiert wird.

In Russland gegenwärtig ein Tabu.

Natürlich. Wer darüber schreibt, kann sich gleich ins Nirwana verabschieden. Ich habe das Thema auch in meinem Roman „Tanger“ aufgegriffen, klar, dass keiner der etablierten Verlage sich daran die Finger verbrennen wollte. Herausgebracht habe ich das Buch schließlich in einem Untergrund-Verlag, der von Fußballfans betrieben wird.

Wie mehrheitsfähig sind die Ressentiments gegen Schwule tatsächlich?

Absolut mehrheitsfähig. Wir haben ja seit einiger Zeit dieses absurde Gesetz, das die Propaganda von Homosexualität vor Minderjährigen verbietet, dahinter stehen 90 Prozent der Bevölkerung. Momentan koppelt sich Russland zunehmend von Europa ab, man ist der Ansicht, Schwulsein sei ein westliches Phänomen und spricht von „Gayropa“. Man will zurück zum sowjetischen Lebensmodell, zum Eisernen Vorhang.

Stimmt es, dass Sie mittlerweile gar nicht mehr fürs Theater schreiben?

Nach „Tag der weißen Blume“, „Schrei des Elefanten“ und „Goebbels Tisch“ habe ich noch ein paar Stücke geschrieben. Aber ich habe verstanden, dass sie in Russland nicht gewollt waren. Also bin ich zu Romanen, Novellen und Erzählungen übergegangen – da bin ich selbst Regisseur, Produzent und Schauspieler.

Wie ist die Situation für Sie als Schriftsteller in Moskau?

Vom künstlerischen Schaffen kann man in Moskau nicht leben. Viele meiner Bekannten arbeiten für Fernsehserien, wo seichte, patriotische Geschichten gewollt sind, die Russland in strahlendem Licht erscheinen lassen. Ich möchte mich nicht auf diese Art verkaufen, deswegen arbeite ich nebenher in einem Parkhaus.

Womit ihr Stück die Frage aufwirft, ob sich Geschichte stets in fataler Weise wiederholt.

Sie bewegt sich in geschlossenen Kreisen, obwohl sie einen anderen Lauf nehmen könnte. Die Geschicke der Welt werden von Dramatikern bestimmt, die bedeutend härter sind als Shakespeare. Sie haben nur keine so reiche Fantasie. Das sind die Finanzoligarchen. Auf kurze Phasen des Friedens folgt der nächste Krieg, und dabei geht es immer nur um Wirtschaftsräume. Nun wiederholt sich meiner Ansicht nach die Situation, die wir vor dem Ersten Weltkrieg hatten.

Welche Entwicklung erwarten Sie für die Ukraine?

Vor einiger Zeit habe ich noch gedacht, dass der nächste Weltkrieg seinen Ausgang in Libyen oder Syrien nimmt. Jetzt denke ich, es wird folgendermaßen ablaufen: Die Ukraine verliert einen Großteil ihrer Territorien. Dmytro Jarosch gewinnt die nächsten Wahlen, wird von den Weltdramatikern mit Geld und Waffen hochgerüstet und beginnt einen Krieg gegen Russland, um sie zurückzuerobern. Das dürfte genügen, um ganz Europa in Brand zu setzen.

Welche Rolle spielt Putin?

Bei der Zeitschrift „Völkerfreundschaft“ hatte ich einen jungen Kollegen, der unbedingt zu einem Treffen junger Autoren mit Wladimir Putin gehen wollte. Er hatte vor, ihm Folgendes zu sagen: Wissen Sie, Herr Putin, ich schreibe gerade einen Roman über einen Menschen, der in jungen Jahren aus Überzeugung zum KGB ging und der nach der Perestroika und der Jelzin-Zeit, wie es sich fügte, zum Herrscher Russlands wurde. Welches Ende soll ich für ihn wählen? Soll er dem Geld dienen? Oder seinem Land?

Interview: Patrick Wildermann

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