Kultur : Fasankinofrösteln

Helmut Böttiger

"Film und Verhängnis" heißt der Band Ilse Aichingers, der dieser Tage erschienen ist. Es sind kleinere Zeitungsartikel, die Aichingers Faszination für das Kino nachgehen - das frühe "Fasankinofrösteln", die Blitze der Erinnerung. Damit hat sie sich nach langer Zeit wieder einmal zu Wort gemeldet (siehe Tsp-Literaturseite vom 21. Oktober).

Ilse Aichingers Sprache ist von Band zu Band radikaler geworden. Schon im Roman "Die größere Hoffnung" aus dem Jahr 1948 hob sie auf etwas ab, was abseits der landläufigen Wahrnehmung lag. Aichingers Urgroßvater war als Eisenbahningenieur am Bau der Station "Auschwitz" beteiligt gewesen, die Juden in ihrer Familie wurden nach der Deportation 1942 umgebracht. In "Die größere Hoffnung" spielen jüdische Kinder im NS-Staat die Hauptrolle. Wenn Aichinger 1952 in einem poetologischen Text beschreibt, was "Erzählen" heißt, ist der Zusammenhang damit offenkundig: "Gerade mit dem Begriff des Erzählens verbinden viele immer wieder die Vorstellung des Behagens, des sanften Feuers, das ihre Hände wärmt. Oder sie sprechen vom Fluß der Erzählung und meinen damit den Fluß, der trägt, der links und rechts freundliche Ufer hat, an die sie, so oft sie wollen, zurückkehren können, um ihn dann ruhig an sich vorbeigleiten zu lassen. Und heute klagen sie, daß es mit dem Erzählen zu Ende sei, daß es heute gar keine richtigen Geschichten mehr gäbe. Der Vergleich mit dem Fluß ist noch immer richtig. Aber wer heute Erzählungen mit Flüssen vergleicht, muß an reißendere Flüsse denken, mit steileren und steinigeren Ufern, an die keiner, der einmal den Sprung gewagt hat, so leicht wieder zurückkommt."

Das behagliche Erzählen war Aichingers Sache nie. In ihrer "Spiegelgeschichte", für die sie 1952 den Preis der Gruppe 47 bekam, löst sie das ein, was sie programmatisch von der zeitgenössischen Literatur verlangt: "Erzählen vom Ende her und auf das Ende hin"; die "Erfahrung des nahen Todes" müsse zum Ausgangspunkt des Schreibens genommen werden, "um das Leben für sich und andere neu zu entdecken." Zug um Zug entfernt sich Ilse Aichinger von der vorgeblichen Wirklichkeit: Sie zerlegt sie in ihre Bestandteile und setzt diese neu zusammen. Die Logik der Sprache schafft aus sich heraus neue Bezüge und Bilder. Im Band "Schlechte Wörter" (1976) gibt es auf radikale Weise kein Einverständnis mehr. Zentral wird die Perspektive der Außenseiter, die sich dem Erfolgs- und Effizienzdenken widersetzen. Doch das wird sprachlich eingelöst und ist nicht einlinig übersetzbar.

Aichingers Sprache wurde karger, spärlicher, es gab lange Perioden des Schweigens. Das größte Geheimnis sind ihre Gedichte: es gibt nur einen einzigen Band, der Gedichte aus einem Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren umfasst ("Verschenkter Rat", 1978), und dieser Band wirkt so geschlossen, so einheitlich in seiner spröden Sprache, dass die Zeit zusammengespannt scheint zu einem einzigen, unfasslichen Punkt. "Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr", heißt es einmal in einem der späteren Texte, und die Erklärung dafür ist: "Niemand kann von mir verlangen, daß ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind. Ich bin nicht wahllos wie das Leben."

Heute feiert Ilse Aichinger ihren achtzigsten Geburtstag. Wir gratulieren herzlich.

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