Kultur : Fassaden bröckelnden Steins im Nichts: "People and places with no names"

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Da sind diese Kinderhände, vor den nackten Bauch gehalten, das Hemd ist aus der Hose gerutscht, mit den verstümmelten Fingern. Da ist dieser Säugling, winzig im rosa Seidenkleid, der fast wie schlafend ausschaut, auf dem bloßen Fußboden, jemand hat eine Blume vor den Körper gelegt. Und da sind diese Städte, nur noch Fassaden bröckelnden Steins im Nichts. "Afghanistan, Kenia, Bosnien", listet der Glossar am Ende des Fotobandes auf, "Tibet, Irak, Haiti". "People and places with no names" hat der Schweizer Fotograf Michel Comte den Bildband (Steidl Verlag, Göttingen, 2000, 312 Seiten, 128 Mark) genannt. "Man kann das menschliche Leid nicht auf dem Foto einer Waffe oder einer explodierten Mine sehen, aber man kann immer die Waffen in den Gesichtern der Menschen sehen", schreibt Comte in seinem Vorwort. Und beharrt dennoch auf dem Lächeln der Kinder beim Spielen, das seine Fotos auch inmitten des Elends zeigen. Zwei Monate im Jahr verlässt der 1954 geborene Starfotograf die Glitzerwelt von Mode und Jetset, in deren Auftrag er sonst Supermodels und neue Kollektionen ablichtet, kehrt den Fotoshootings in Miami, Paris, London und seinem Loft in New York den Rücken und reist in die Gegenwelt: 1988 in den Tibet, seither in alle Welt und fotografiert Menschen. Dann macht er seine Bilder nicht im Auftrag von Karl Lagerfeld, sondern für Terre Des Hommes und zeigt sie in Ausstellungen vom Roten Kreuz - statt auf den Hochglanzseiten von "Vanity fair".

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