Fassadenbilder : Biedermann und die Brandmauer

450 Fassadenbilder zieren die Hauptstadt. Niemand fühlt sich zuständig. Über ein Kulturgut, das verblasst.

Kolja Reichert
Tommy-Weissbecker-Haus
Frieren für die Kunst. Das Tommy-Weissbecker-Haus verzichtet auf Wärmeisolierung, um seine Rundum-Bemalung zu erhalten. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wer heute mit dem Zug im S-Bahnhof Tiergarten zum Stehen kommt, wird das Bild leicht übersehen, das einst ein schriller Aufschrei war: Fesseln und Drähte schneiden tief in die Rinde eines verstörend menschlichen Baumwesens, das sich vor Schmerzen windet. Mit seinem 1975 entstandenen Wandbild „Weltbaum – Grün ist Leben“ setzte der Künstler Ben Wagin ein grelles Zeichen gegen Umweltzerstörung. Heute ist dieses Symbol der damals gerade keimenden grünen Bewegung selbst weitgehend zerstört – Wetter und Großstadtluft haben ihm über 30 Jahre lang zugesetzt, die Farbe ist verblasst und an vielen Stellen abgebröckelt. Der Blick von der Straße ist durch eine Reklametafel verstellt.

Wagins Weltbaum war das erste Wandbild der Stadt. Mit ihm begann das graue und zerklüftete West-Berlin, Farbe anzunehmen. Die in Amerika schon lange populäre Bemalung freier Flächen war ein willkommenes Mittel gegen Baulücken und Brandwände. Die Stadt wurde zur Wunderkammer, in der sich unvermittelt Waldlandschaften auftaten und Schiffe aus Häusern ragten. Geschichten und Träume der Bewohner kehrten sich nach außen, politische Kämpfe schlugen sich künstlerisch nieder. Über 450 Bilder sind bis heute entstanden – und wieder verschwunden. Fassadenbilder sind flüchtige Erscheinungen. Nichts schützt sie davor, übermalt oder zugebaut zu werden. Auch wenn die bemalten Häuser schon lange fester Teil von Berlins Identität sind, fühlt sich der Denkmalschutz nicht zuständig.

Dabei schlägt sich in keiner anderen Kunstform Stadtgeschichte so direkt nieder wie in der Fassadenkunst. Und niemand hat so viele Wände bemalt wie Gert Neuhaus. Etwa 50 Berliner Fassadenbilder stammen von ihm. „Ich versuche, üblen Hütten neue Würde zu verleihen und vom Horror der Architektur abzulenken“, sagt der heute 68-Jährige, der die kauzige Würde eines Zauberers ausstrahlt. Neuhaus liebt die Illusionen. Von ihm stammt das Schiff „Phoenix“, dessen Bug sich in der Charlottenburger Wintersteinstraße aus einem Haus bohrt. In einem Hof in der Zillestraße hat er eine Backsteinwand mit einem Reißverschluss versehen, hinter dem eine Gründerzeitfassade zum Vorschein kommt. Neuhaus, inspiriert von Max Ernst und dem Surrealismus René Magrittes, lässt Renaissanceportale erstehen oder Schaufenster auftauchen, wo vorher nur leere Rückseiten waren. Der Maler spielt mit der Stadt. Politische Motive waren nie seine Sache.

Dabei sind Fassadenbilder prädestiniert, Flagge zu zeigen. In der Folge der mexikanischen Revolution von 1910 machten Künstler wie Diego Rivera sozialkritische und politische Motive im öffentlichen Raum populär. In Berlin nutzten Hausbesetzer die Außenwände, um ihren Zorn über Militarismus oder Sanierungspolitik öffentlichkeitswirksam ins Bild zu setzen – wie am Tommy-Weissbecker-Haus in der Wilhelmstraße.

Das Hausprojekt, das seit 1973 eine Anlaufstelle für junge Obdachlose bietet, verbindet eine besonders bewegte Geschichte mit der Stadt. Nachdem 1975 im Rahmen der „Aktion Wasserschlag“, einer breit angelegten Polizeirazzia gegen linke Projekte, große Teile des Hauses zerstört worden waren, stellte der Senat bald Schadensersatz und Renovierungsmittel bereit, mit denen auch die Wandmalereien finanziert werden konnten, die im Laufe der Achtziger alle Außenwände des freistehenden Hauses überzogen. In den Motiven des inzwischen verstorbenen Sozialarbeiters Andreas Dornbusch manifestieren sich Systemkritik, Medienkritik und Apokalyptik. Die Urwaldbäume, die den Großstadtmoloch fortschleudern oder „Kabylon“, der Turm aus Fernsehgeräten, der die Einführung des Kabelfernsehens anklagt, machen das Tommy- Weissbecker-Haus zu einem Wahrzeichen der Alternativkultur der achtziger Jahre. Die Betreiber sind sich dieses Erbes bewusst und verzichten etwa auf die Anbringung einer neuen Wärmedämmung, die Kosten einsparen würde. An einer ausgewiesenen Stelle sind zudem Graffiti-Künstler eingeladen, sich zu verewigen – „unsere Antwort auf die Kriminalisierung junger Street-Art-Künstler“, heißt es im Weissbecker-Haus.

Graffiti hat sich heute an den Wänden weitgehend gegen die Malerei durchgesetzt – Sprühdosen reagieren direkter auf künstlerische Intuitionen, ihre Motive sind aggressiver. Zudem endete mit der Teilung die Förderkultur für großflächige Wandmalereien. Das Geld wird inzwischen eher in Neubauten gesteckt. Eine Ausnahme bildet das Europaviertel in Hellersdorf, wo derzeit eine Plattenbausiedlung mit dem größten Wandgemälde der Welt aufgehübscht wird.

Fassadenkunst sei dennoch lebendig wie nie, sagt Lutz Henke, der mit Festivals wie „Backjump“ oder „Planet Prozess“ die Street-Art-Kultur der Hauptstadt mitgestaltet. „Die technischen Möglichkeiten sind heute vielfältiger und junge Künstler, die damit aufgewachsen sind, haben keine Angst vor großen Formaten.“ Finanzielle Unterstützung fließt heute im Rahmen von Projektförderung. Doch die Zeugnisse, die von den Ursprüngen urbaner Fassadenkunst erzählen, drohen unterzugehen.

Dass sie nicht in Vergessenheit geraten, ist das Anliegen Norbert Martins. Von 1975 an hat der inzwischen pensionierte Elektroniker seine Freizeit damit verbracht, mit seiner Fotokamera neuen Bildern nachzujagen. „Ich ging vor wie ein Briefmarkensammler“, erzählt er. Mit einem Blick in seine Ordner kann Martins zu jedem Motiv sagen, welcher Künstler es malte, woher das Geld kam, wann es entstand und wann es wieder verschwand. Sein Bildband „Giebelphantasien“ von 1989 ist bis heute das umfangreichste Buch über Berliner Wandbilder. Mit Führungen gibt Martins sein Erkenntnisse weiter. „Irgendwann wird mein Wissen gebraucht“, ist er sich sicher.

Er könnte recht behalten. Denn bis der Denkmalschutz sich der Fassadenkunst annehmen könnte, werden die Bilder verblasst sein. Objekte, die nach 1961 entstanden, fallen bislang durch das Raster des Landesdenkmalamts. Es bleibt den Hauseigentümern überlassen, die Werke zu erhalten – wie im Fall des Bildes über den nicaraguanischen Befreiungskampf von Manuel Garcia Moia in Lichtenberg. 2005 brachte der Eigentümer eine neue Wärmedämmung an. Mit Hilfe der Universität Los Angeles erreichte eine Bürgerinitiative, dass das Bild erneuert wurde.

www.wandbilder-berlin.de bietet ein großes Bildarchiv. Führungen von Norbert Martins sind vereinbar unter Tel. 033056 / 76 16 1

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