Fassbinder als Tanzprojekt im HAU : Der Film und sein Fußvolk

Wunderbar lakonisch: Der belgische Regisseur und Choreograf Michael Laub zeigt im HAU eine Fassbinder-Hommage, die zugleich Parodie ist.

Ausdruckslose Mienen. Das Ensemble von "Fassbinder, Faust and the Animists" im HAU.
Ausdruckslose Mienen. Das Ensemble von "Fassbinder, Faust and the Animists" im HAU.Foto: Dorothea Tuch

Eine Blondine im Minikleid betritt als Erste die Bühne und streicht sich mit aufreizender Langsamkeit mit der Hand über den Körper. Dieser laszive Tanz ahmt die Bewegungen von Hanna Schygulla in dem Fassbinder-Film „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1970) nach. Der belgische Regisseur und Choreograf Michael Laub, der zu den Pionieren des postdramatischen Theaters gehört, nähert sich in seiner neuen Produktion „Fassbinder, Faust and the Animists“ mit einem 17-köpfigen internationalen Ensemble dem Werk. Die Fassbinder-Hommage ist zugleich eine Parodie.

„Warnung vor einer heiligen Nutte“ (mit der Nutte ist offenbar das Filmgeschäft gemeint) soll Fassbinders liebster Film gewesen sein. Es ist ein Film über das Filmemachen. Er zeigt ein Filmteam bei den Dreharbeiten in Spanien, das auf seinen Regisseur und den Hauptdarsteller wartet – und auf das Eintreffen des Geldes. Es herrscht eine angespannte Stimmung, gemischt aus Apathie und Hysterie, Gezänk und Intrigen. Der Film ist mehr als nur ein Drama um persönliche Eitelkeiten und Macht, er zeigt auch den Einfluss ökonomischer Zwänge auf die künstlerische Arbeit. Laub arbeitet in seiner Inszenierung mit Verdoppelungen, Wiederholungen und scharfen Schnitten.

Die Darsteller stellen auf der Bühne immer wieder kurze Szenen aus dem Film nach. Laub hat aber auch einige Filmsequenzen gedreht, die Fassbinder zitieren. Zudem werden Ausschnitte aus dem Originalfilm gezeigt, manchmal parallel zu dem Remake. Man kann also den echten Fassbinder mit dem RWF-Darsteller vergleichen (bei Weitem nicht so fies) und Hanna Schygulla mit ihrem Double ( nicht so sexy). Und Eddie Constantine lässt sich ohnehin nicht kopieren.

Ausbeutung und Abhängigkeit

Auch das Ensemble bei Laub ist zum Warten verdonnert. Die Performer sitzen gelangweilt auf den Stühlen am Bühnenrand, müssen dann aber immer wieder ran. Nach jedem Fassbinder-Zitat werden Variationen des Madison Dance aufgeführt, eines Gruppentanzes, der in den späten Fünfzigern in den USA populär wurde und heute noch in Kambodscha getanzt wird, wie ein Video zeigt. Mit ausdrucksloser Miene wippen die aufgebrezelten Frauen und Männer mit den Knien und schlenkern mit den Armen, sie sind so etwas wie das Fußvolk der Unterhaltungsbranche.

Der Zumutung der endlosen Wiederholung begegnen sie, indem sie sich mit minimalem Energieaufwand bewegen. Zum Ensemble gehören auch drei Tänzer aus Kambodscha. Laub reist seit längerer Zeit regelmäßig in das Land und hat dort auch die „Portrait Series Battambang“ realisiert. Das Thema Ausbeutung und Abhängigkeit, das in „Warnung vor einer heiligen Nutte“ am Beispiel einer Filmclique verhandelt wird, bekommt durch ihre Präsenz – und den Cultural Clash – noch mal eine andere Bedeutung.

Den Film weiter verfremden

Laub ist dafür bekannt, dass er unerschrocken die verschiedenen Kunstformen kombiniert und zusammenbringt, was nicht zusammenpasst. Fassbinder verkuppelt er in dieser Produktion mit Goethes „Faust“. Das gibt der Bühnen-Exzentrikerin Astrid Enduweit Gelegenheit zu einem Gretchen-Auftritt zwischen Entsetzen und Exaltation. Wenn sie die verführte Unschuld dann noch mit einem japanischen Schulmädchen kreuzt, ist das schon sehr lustig. Ihre Übertreibungen kontrastieren mit dem gestischen Minimalismus von Maxwell Cosmo Cramer. Der ist nicht nur der Abgeschlaffteste von all den Bühnen-Schluffis, die hier ihren Auftritt haben. Seine knappen Einführungen zu Fassbinder und Faust verströmen wunderbare Lakonik. Was Laub und seine Darsteller antreibt? Gewiss kein Faust’scher Erkenntnisdrang.

Denn dem Fassbinder-Film gewinnt der Choreograf kaum neue Aspekte ab. Doch es gelingt, den Film, der in seiner Ästhetik heute sehr fremd wirkt, weiter zu verfremden, auch dank der Tänzer aus Kambodscha. Als Metadiskurs über die Schauspielerprofession funktioniert das Stück nur bedingt, denn die Machtverhältnisse im Film lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Doch den Darstellern sieht man gern zu. Sie alle hoffen auf den großen Auftritt und müssen sich als Tanzmaus verdingen.

HAU 2: wieder am 30. Juni und am 1. und 2. Juli, jeweils um 20 Uhr

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