• Fassbinders "Acht Stunden sind kein Tag": Streit um Fassbinders "geschminkte Proleten"

Fassbinders "Acht Stunden sind kein Tag" : Streit um Fassbinders "geschminkte Proleten"

Das waren noch Zeiten, als das Fernsehen über sich selbst kritisch diskutierte - im Fernsehen. Etwa über Fassbinders "Acht Stunden sind kein Tag". Jetzt ist die heiß diskutierte Serie von 1972 in Berlin nochmals zu sehen.

Martin Wiebel
Gottfried John als Werkzeugmacher Jochen in Fassbinders TV-Serie "Acht Stunden sind kein Tag".
Gottfried John als Werkzeugmacher Jochen in Fassbinders TV-Serie "Acht Stunden sind kein Tag".Foto: Studiocanal

Rainer Werner Fassbinders fünfteilige Serie "Acht Stunden sind kein Tag", 1972 im WDR ausgestrahlt, ist eine Pionierarbeit, die die Ressourcen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für harte Kapitalismuskritik nutzte. Es ging um unterschiedliche Milieus der Arbeiterklasse - ein Panorama der Bundesrepublik, ein Stück Fernsehgeschichte mit Gottfried John, Hanna Schygulla und Kurt Raab. Nach der Berlinale-Premiere ist die restaurierte Fassung nochmals am 31.3. und 1.4. im Berliner Kulturraum Zwingli-Kirche zu sehen (jeweils 19 Uhr). Martin Wiebel, Programmverantwortlicher in der Zwingli-Kirche und damals WDR-Redakteur, erinnert sich selbstkritisch. (Tsp)

Die erste Folge von Fassbinders Familienunterhaltungsserie "Acht Stunden sind kein Tag" wurde am 29. Oktober 1972, einem Sonntag  zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ausgestrahlte, ebenso die weiteren Folgen in vierwöchigen Abständen. Fast gleichzeitig  ab  Oktober 1972 startete der WDR  das TV-Magazin "Glashaus – TV intern", in dem sich das Fernsehen im Fernsehen einer medienkritischen Betrachtung aussetzte. Am 1. April 1973 war die Fassbinder-Serie alleiniger Gegenstand  der "Glashaus"-Kritik. Es war eine turbulente Sendung, in der über mangelnden Realismus, Sozialromantik und Fassbinders machohaftes Gebaren gestritten wurde. Der Regisseur selbst redete sich um  Kopf und Kragen, als der Arbeiter mit Ameisen verglich. Schließlich kündigte Hanna Schygulla an, aus der arbeiterverräterischen Serie  auszusteigen.

Die Sendung mit dem Titel "Die geschminkten Proleten" (geborgt von einer Schlagzeile der linken Zeitschrift "Konkret") besiegelte das Schicksal der Serie: Der WDR stoppte die Produktion von drei weiteren Folgen. Kürzlich gestand ich auf einer Medientagung  in Berlin, dass ich mich für die damals von mir als Redakteur verantwortete "Glashaus"-Sendung schäme. Weil sie mir im Rückblick juvenil-furchtlos, radikal-kritisch und rabiat-ideologisch erscheint: Wer waren wir 30-jährigen Jungredakteure, dass wir den ebenfalls jungen Fassbinder derart anpissten? Und dass unsere Sendung zum Sargnagel für "Acht Stunden..." wurde? Die Drehbücher für die drei weiteren Folgen waren fertig, man kann sie heute nachlesen, aber sie wurden eben nicht mehr  produziert.

Nach der Debatten-Sendung hieß es: keine weiteren Folgen mehr!

Ich habe mich immer damit getröstet, dass der WDR die Zusammenarbeit mit Fassbinder danach nicht beendete, sondern relativ schnell andere Produktionen mit ihm realisierte: "Welt am Draht", "Martha", "Wie ein Vogel auf  dem Draht", "Angst vor der Angst"  und  schließlich "Berlin  Alexanderplatz".

Szene aus "Acht Stunden sind kein Tag", u.a. mit Luise Ullrich, Werner Finck und Kurt Raab (v.r.).
Szene aus "Acht Stunden sind kein Tag", u.a. mit Luise Ullrich, Werner Finck und Kurt Raab (v.r.).Foto: Studiocanal

Wir bringen die Arbeiter ins Fernsehen - das war damals die Absicht des WDR. Und das "Glashaus"-Magazin sollte, ganz im Geist und Stil der Zeit, unnachsichtig, selbstbewusst und vor allem medien-didaktisch alle Kontroversen, Kritiker-Probleme und Rundfunkrats-Aufregungen verhandeln , die die Serie nach den ersten Ausstrahlungen provoziert  hatte.

WDR-Dramaturg  Peter Märthesheimer, ein gelernter  Soziologe, hatte die verwegene Idee, Politisch-Emanzipatorisches in eine affirmative Familienserie hineinzupacken, dafür hatte er Fassbinder gewonnen. Lässt sich soziologischen Analyse über die Arbeit von Arbeitern im Fernsehen erzählen? Alles war recherchiert, ein Vertrauensmann von der IG Metall fungierte als Berater. Aber entspricht die filmische Umsetzung auch dem Arbeiteralltag ? Das war der Referenzpunkt der Sendung: Absicht und Verwirklichung, Recherche und Ergebnis.

Heute kaum denkbar: die derart kritische Selbstbefragung eines Senders

Märthesheimers und Fassbinders Konzept für die Serie unterschied sich deutlich von den anderen Familienserien jener Zeit. Sie spielt nicht wie üblich im Mittelstand oder im Großbürgertum, sondern zum ersten Mal im Arbeitermilieu, zeigt das Arbeits- und Privatleben einer Werkzeugmacher-Familie. "Acht Stunden sind kein Tag" wurde ein Publikumserfolg, die Zeitungen überschlugen sich vor Debatten. Arbeiter regten sich auf, Gewerkschafter regten sich auf, über die Serie wurde mehr geschrieben als über alles andere, was damals im Fernsehen zu sehen war. Auch eine derart kritische Selbstbefragung eines Senders, wie sie das "Glashaus" darstellte, dürfte für heutige Zuschauer unvorstellbar sein.

Zur Erinnerung: Die 70er Jahre waren die aufklärerischste Epoche des damals noch jungen deutschen Fernsehens. Und Arbeiter standen für den damals sehr progressiven WDR als Zielgruppe im Fokus des Interesses. 1972 sendeten wir zum Beispiel den äußerst umstrittenen und mit Preisen geehrten Dokumentarfilm "Rote Fahnen sieht man besser" von Rolf Schübel und Theo Gallehr über eine Betriebs-Stilllegung  in Krefeld. Auch die WDR-Arbeiten von Christian Ziewer wie z. B. "Schneeglöckchen blühen im September" hatten reale Arbeiter als Protagonisten. Mit "Acht Stunden sind kein Tag" suchte der WDR  den direkten Dialog mit den Arbeitern dann erstmals auf dem Feld der populären Unterhaltung.

Günter Rohrbach erklärte das Aus für die Serie - und blieb entscheidender Förderer Fassbinders

Zu klären bliebe heute  – mehr als  40 Jahre danach –  die Sargnagel-Angelegenheit. Bei besagter Medientagung in Berlin diskutierte auch der damalige WDR-Fernsehspielchef  Günter Rohrbach mit. Er sagt, er war es selbst, der das Aus für die Serie erklärte, indem der damals befand: „Diese drei Bücher, die da  weiter verfilmt werden sollten, finde ich nicht gut“ . Ob es stimmt, dass diese Drehbücher rasch und lustlos geschrieben worden waren und man es ihnen auch anmerkt, kann man ja überprüfen. Rohrbach jedenfalls bekannte sich jetzt mit ironischer Geste zu seiner damaligen Einschätzung. "Indem ich gesagt habe ‚Das machen wir nicht mehr' habe ich mir sozusagen für alle Zeit meinen Namen in der Fassbinder-Geschichte gesichert." Seine Verdienste um all die späteren Fassbinder-TV-Produktionen schmälert das nicht. Rohrbach blieb ein entscheidender Förderer und Unterstützer von Fassbinders Talent.

Martin Wiebel, früherer WDR-Redakteur.
Martin Wiebel, früherer WDR-Redakteur.Foto: Eckhard Herfed

Heute fehlen Leute wie Rohrbach und Märthesheimer in den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender. Programmverantwortliche, die Mut und Lust dazu haben, Autoren und "Menschengeschichtenerzähler“ wie Fassbinder ohne Sicherheitsgurte hineinzuholen in diese Riesenapparate mit ihren immensen Finanzmitteln. Wie beim bewunderten us-amerikanischen Serienboom kam es vor allem darauf an, Vertrauen in die Kreativität guter Autoren zu setzen und einen exzentrischen Theatermann aus München in den WDR zu lotsen. Dramaturgen und Redakteure, die mit kreativem politischen Bewusstsein an ihre Arbeit gehen, so war das damals.

Der Theater- und Filmdramaturg Martin Wiebel, Jahrgang 1934, kehrte 1998 nach vielen Jahren beim WDR nach Berlin zurück, in das von seinem Urgroßvater errichtete Quartier Rudolfplatz. Er gründete den "KulturRaum Zwinglikirche" und veranstaltet dort regelmäßig das "Kino im Quartier".

Infos: www.kulturraum-zwinglikirche.de/veranstaltungen/fassbinder-weekend

 

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