Kultur : Fastenkur

Uwe Friedrich

Wagners Musikdramen sind Opern im Reich der Triebe, die "Walküre" gilt als sein populärstes Werk: trotz der dekadenten Handlung, an deren Ende die Lieblingstochter von Göttervater Wotan eingeschläfert wird. Nike Wagner, Urenkelin des Komponisten, wies in ihrem Einführungsvortrag auf den bürgerlichen Charakter der "Walküren"-Handlung hin, in dem die Götterwelt des vorausgehenden "Rheingolds" nur mehr eine untergeordnete Rolle spiele. Dabei stellt die ausgeprägte Blickdramaturgie für Nike Wagner die entscheidende Abkehr von der höfischen Oper dar: Nun stehen nicht mehr dramatische Kulminationspunkte im Mittelpunkt, vielmehr werden unausgesprochene Gefühle vom Orchester kommentiert. Das geschieht gleichsam hinter dem Rücken der Handelnden, die Zuhörer wissen, wie bei Hitchcocks "Suspense-Technik", mehr als die Protagonisten. Vielleicht hat diese Einführungsrede tatsächlich einigen Studenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler den Weg zu Wagner geebnet.

Die anschließende Aufführung des ersten Aufzugs der "Walküre" wurde jedenfalls begeistert aufgenommen. Dabei erinnert die Version des Pianisten Friedrich Suckel an einen Spaziergang im winterlichen Park: Die Strukturen sind deutlich erkennbar, mit der Zeit werden die Farben jedoch immer schmerzlicher vermisst. Zusammen mit seinem Kollegen Hendrik Heilmann bietet Suckel zwar eine beträchtliche Klangfülle auf, der Wunsch nach dem Orchester aber bleibt. Zumal für das Wälsungenpaar mit Renate Düerkop und Reiner Goldberg zwei Sänger zur Verfügung standen, deren Jugendblüte deutlich vergangen ist. Für ihren Mut zu gefährlichen Piani und subtiler Textgestaltung sind sie jedoch sehr zu loben, auch wenn der Schmelz der Stimmen stellenweise bereits abgeblättert ist. Reinhard Hagens grimmiger Hunding fernab des Polterklischees überzeugte rundum.

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