Kultur : "Faster Pussycat!": Lara Croft kam nicht bis Göttingen

Doris Meierhenrich

Varla hat Turbotitten, Turbohüften, Wespentaille. Ihre schwarzen Klamotten, die Hose, das Top, spannen sich so eng um ihre Riesenmaße, als müssten sie das monströse Fleisch mit Gewalt im Zaum halten - um die Augen derer zu schützen, die sie ansehen, im Kinosaal. Männeraugen, für die dieses grenzensprengende Mannsweib gemacht ist. Augen, die das männermordende Busenwunder begehren und fürchten. Varla steht mit ihrer schwarzen Perücke an ihrem Sportwagen in der Wüste. Gleich wird sie einem Mann, den sie im Wüstenrennen besiegt hat, das Genick brechen, seine Freundin Linda wird sie mitnehmen zu den nächsten Opfern, einem gelähmten Alten und seinen Söhnen. Varla ist eine Riesenvampirella im Rennfieber, ein Gothic-Pop-Traum, eine Angst-Lust-Projektion, von Russ Meyer 1965 in Schwarz-weiß gefilmt: "Faster Pussycat! Kill! ... Kill!", ein existentialistischer Sex-Cartoon. Surrealistischer Pop. Hier scheint alles Körper und ist doch nur Gedanke. Außer zwei Zungenküssen kein Sex.

Im Foyer des Jungen Theaters Göttingen wird die kämpfende Film-Varla an die Wand projiziert. Varla im Auto, Varla und ihre beiden vollbusigen Schwestern, die blonde Billy und die brünette Rosie, tanzend neben der Männerleiche. Traumatische, sexistische, unheimliche Körper. Die Lichtbilder zeigen nur ihr letztes vampirisches Aufflackern, denn die Regisseurin Christina Friedrich hat Russ Meyers Tagträume in den Bühnenraum gezwungen. Dort schrumpfen sie auf allzumenschliches Maß, die Schauspieler bemühen sich in jeder Bewegung, ihre Körper mit sexuellen Allmachtsfantasien aufzuladen. Sie drehen sich langsam, schreiten, versuchen Spannung zu erzeugen. Selten wirken sie vulgär, morbid, brutal. Die Körperweite der Varla ist schmächtig, was zwar der Wirkung ihren beiden Kolleginnen Rosie (Helene Thamm) und Billy (Franziska Schlattner) zugute kommt, aber dem Stück fehlt, das die pralle Dröhnung braucht. Agnes Giese versucht das mit Kinn-nach-vorne-Haltung auszugleichen. Heißt Varla deshalb hier Tura? Meyers Figur war die lebendige Lara Croft, nur in Untersicht fotografiert, man hörte sie nie schnaufen, sah sie nie schwitzen. In Göttingen stehen die Schauspieler umzingelt von den Zuschauerbänken in einer hölzernen Rodeoarena. Gehetzte, die nie die Kraft haben, zurück zu wirken.

Das Stück zum Film erreicht nicht die Suggestivkraft der Vorlage. Weil man in Göttingen weiß, dass pure Adaptionen meist scheitern, vermischt man Meyers "Pussycat" mit Alexa Hennig von Langes Roman "Relax". Von Lange gilt deshalb als die Autorin des Abends. Eine erwähnenswerte Modifikation der Russ-Meyer-Ode ist indes nicht festzustellen. An der Konfrontation der Satansweiber mit den beiden dauerbekifften Clubniks des Romans fällt nur auf, dass der Jungautorin die Superspießerträume, die sie 1997 formulierte, mittlerweile wohl selbst auf die Nerven gehen. Deshalb gruppiert sie um. Im Roman war Chris ein verhinderter Cooler, wollte Rockstar sein, warf endlos Pillen ein, ließ sich die Socken von seiner Kleinen waschen. Die träumte davon, in Las Vegas zu heiraten, schnell Kinder zu kriegen. Sie wusch die Socken, obwohl sie das blöd fand, weil sie Chris liebte. Von Lange legt Meyers Figuren diese Texte in den Mund: die Fick-Phantasien der Kleinen sprechen Varla und ihre Barbiesisters, das Las-Vegas-Socken-Idyll bleibt der Geisel Linda vorbehalten. Meyers Linda war gegen die Monster-Pussycats ein Witz. Von Langes Linda ist zwar naiv, aber den Naiven gehört offenbar die Welt, denn am Ende liegt auch Varla erwürgt am Boden. "Sie hatte nichts Menschliches" sagt ihr Mörder im Film apathisch. In Göttingen steht die kindliche Linda kulleräugig über der schwarzen Frau, ihrem eigenen Fantasie-Produkt - wie die Inszenierung spät verrät. Lindas Schlußwort: "nach hause".

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