Kultur : Fastfood in Jogginghosen

Harte Rocker: die Dokumentation „Metallica“

Mikko Stübner

Da waren’s nur noch zwei. Ungläubig blicken Lars Ulrich und Robert Trujillo ihrem Frontmann hinterher: Vor ein paar Wochen hat die Band Metallica ihren Bassisten verloren, jetzt verlässt sie ihr Sänger. Lautstark kracht die Studiotür zu, und James Hetfield verschwindet – zumindest für ein Jahr.

Es ist ein trauriger Moment, aber zugleich ein so peinlicher, dass man selbst als Talkshowerfahrener Zuschauer tiefer in den Sessel sinkt. Die Metal-Musiker entpuppen sich als divenhafte Millionäre, die um Nichtigkeiten streiten. Drei Jahre lang haben Joe Berlinger und Bruce Sinofsky Metallica begleitet und dabei fast 1600 Stunden Material gesammelt. Die Ästhetik ihrer mit zweieinhalb Stunden manchmal langatmigen Dokumentation „Metallica: Some Kind Of Monster“ ist angelehnt an MTV, war sie doch ursprünglich als TV-Special zum elften Album geplant.

Der Film zeigt den langen Weg zum fertigen Rock-Produkt. Das Management verpflichtet für 40000 Dollar monatlich den Psychologen Phil Towle, der die Gruppe therapeutisch vereinigen soll. Weil sich die Filmcrew auch dazu freien Zugang ausbedungen hatte, wird der Zuschauer zum Voyeur des Seelenstriptease: aufreibende Machtkämpfe, bei denen sich vor allem Drummer Ulrich und Sänger Hetfield nach Kräften angiften. Offenbar kennen sich die Musiker überhaupt nicht richtig, trotz 20-jähriger gemeinsamer Bandgeschichte. Der Film trennt die Menschen von ihren Images, was ihn auch für Nicht-Metaller interessant macht. Ähnlich wie bei der MTV-Soap „Die Osbournes“ entzaubert die Kamera durch intim-banale Einblicke den Rockmythos. Metallica essen Fastfood in Jogginghosen, Ulrichs dänischer Vater nörgelt an ihm herum, und Hetfield beobachtet seine Tochter beim Ballett.

Als Hetfield aus seiner einjährigen Einzeltherapie wiederkehrt, fordert er von den Regisseuren den Abbruch der Dreharbeiten. Aus den Beobachtern werden Beteiligte, und mit ihnen wird auch der Zuschauer involviert. Schließlich darf die Kamera doch bleiben; der Therapeut hingegen wird gefeuert, weil er sich für Hetfields Geschmack etwas zu sehr an die monatliche Überweisung gewöhnt hat. Der Wagenlenker der emotionalen Achterbahnfahrt hat seinen Zweck erfüllt, die Musiker fühlen sich wieder als Herren ihrer Sinne. Aber ob die Dämonen besiegt sind, wissen nur sie selbst.

Berlinger versteht „Metallica“ als Antithese zu den „Osbournes“. Ozzy ist zum kultig-debilen Clown avanciert, doch Metallica haben zu ihrer alten Stärke zurückgefunden und das ultraharte „St. Anger“Album aufgenommen. Doch sympathisch wirken die Musiker nicht. Ruhm kann eben ein Fluch sein, und auch Reiche haben Probleme. Und nichtmal die besseren Psychiater.

OV, Cinestar im Sony-Center

0 Kommentare

Neuester Kommentar