Kultur : Faszination Kitsch

Jörg Königsdorf

Irgendwo ganz tief drunten im Seelengrund sitzt bei jedem Menschen der Wunsch, einfach mal alles ganz anders zu machen: Sich zum Entsetzen seiner Mitmenschen in knallbunte Garderobe zu werfen, sich hemmungslos mit Kirschlikör zu betrinken und mit Inbrunst Chansons auf dem Kudamm zu singen. Oder, wenn das gerade schwierig sein sollte, zumindest Musik zu hören, die genauso unverschämt und lustig ist. Vermutlich ist es gerade diese Faszination am Unverfrorenen, die John Eliot Gardiner immer wieder zur französischen Musik des 19. Jahrhunderts treibt: zu Messager, Massenet und Chabrier, deren Werke er als Chef der Oper von Lyon als einer der ersten aus der Mottenkiste holte. Als Antidepressivum nach einer Überdosis Bach-Choräle, als Weihrauchverzehrer oder einfach, um den Saal in Stimmung zu bringen.

Das klappt mit Chabriers knalliger "Espana" in der Philharmonie schon fast zu gut: Auch zwischen den Sätzen von Debussys "Nocturnes" und sogar nach dem ersten Satz der César-Franck-Sinfonie brandet später der Beifall auf, tauscht das Publikum nur ungern die sonnige Promenadenlaune gegen die Konzertsaal-Konzentration. Dabei geht es Gardiner gerade um diesen Atmosphärewechsel: Den Schritt vom realistischen Illustrieren zu den atmosphärischen, impressionistischen Klangbildern.

Wo sich in Chabriers "Gwendoline"-Ouvertüre Fanfaren und Burgfräuleinseufzer auf engstem Raum drängeln und das Ganze so klingt, als hätte sich Wagners Lohengrin in ein Pariser Vorstadttheater verirrt, genügt Debussy in den "Nuages" (Wolken) eine schlichte Hirtenmelodie, damit die feindunstigen Wolken zu Luftschlössern werden. Wo Chabriers "Ode an die Musik" noch an einen unfreiwillig komisch-pathetischen Text gekettet ist, dürfen die Damen des RIAS-Kammerchors in Debussys "Sirènes" mit ihren Vokalisen wortlos und umso suggestiver verführen.

Eine bestechende Kombination, von den Philharmonikern in Bestlaune gespielt und das Gardiner ganz auf Verdeutlichung der stilistischen Entwicklung hin dirigiert: Chabrier klangprall mit eigentlich übergroßer Besetzung, die das Unbekümmerte, Verschwenderische noch zusätzlich pointiert. Debussy dagegen sieht er mit dem Blick des 19. Jahrhunderts: Ohne impressionistische Nebel, dafür auf Stimmtrennung, formale Zäsuren und gestische Deutlichkeit der Phrasierung bedacht. Dass César Francks Sinfonie nach der Pause etwas unentschieden zwischen klassischer Form und romantischer Emphase stecken bleibt, zweiter und dritter Satz des Stücks Gardiner bei eindeutig zu langsamen Tempi zerbröckeln, ist schade. Etwas mehr Mut zum Kitsch hätte da nicht geschadet. Oder wenigstens ein Schluck Kirschlikör.

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