Kultur : Faust hoch Gianna Nannini in der Berliner Columbiahalle

Martin Ernst
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Gefackelt wird nicht lange. Die Bühne ist in italienisches Azzurro getaucht, dann ein gleißender Lichtstrahl – da ist sie: Gianna Nannini rennt zum Bühnenrand. Sie ist drahtig, trägt ein rotes Sakko und eine hautenge schwarze Lederhose. Die Band knallt den rockigsten Song ihres aktuellen Albums „Io e Te“ in die gut gefüllte Halle: „Rock 2“, eine aufpeitschende Nummer, auf die sie die ebenso energiegeladenen, etwas älteren Stücke „Mi ami“ und „Io“ folgen lässt. Schon nach dem dritten Lied segelt das rote Sacko über die Bühne, kleben die Haare im Gesicht, geht die Faust nach oben.

Gianna Nannini, die ewige Rocknudel, ist umtriebig wie eh und je: Drei Jacken, zwei T-Shirts, eine Geige und eine Gitarre wird sie am Ende des knapp eineinhalbstündigen Konzerts in ihre agile Performance involviert haben. Vergangenen November ist sie Mutter geworden, mit 54. Darauf deutet höchstens der persönlich-gefühlvolle Grundton ihrer neuen Platte hin, auf den sie nach dem furiosen Auftakt auch im Konzert zusteuert. „Dimentica“, „I Wanna Die 4 You“ und „Ogni Tanto“ sind mal beschwingte, mal schwelgende Balladen, die Gianna Nannini selbst geschrieben hat und denen der englische Produzent Will Malone für das Album einen atmosphärischen Hintergrund aus Streichern und Synthesizern gebastelt hat. In der Columbiahalle hüllt die fünfköpfige Band Nannini in einen warmen Klangraum, während die Maestra mit der Reibeisenstimme selbst zur Geige greift. Ausgereifter Schmuserock, bei dem die Fans gelegentlich noch Textschwächen zeigen, der aber begeistert aufgenommen wird.

Bei so viel Emotionalität sorgen die eingestreuten Cover-Versionen von Janis Joplins „Me and Bobby McGee“ und Domenico Mondugnos’ „Volare“ für Abwechslung – auch wenn die Interpretation des italienischen Klassikers etwas rumpelig gerät und mehr an Marylin Mansons schwerfällige „Tainted Love“-Version erinnert. Das hält die Stimmung am köcheln, doch so richtig brodelt es erst zum Finale wieder. Nannini scheint selbst darauf gewartet zu haben, und so wird die Geige schnell mal zur E-Gitarre umfunktioniert: Breitbeinig spielt sie einige Takte der italienischen Hymne an und leitet dann zu dem über, was sie fraglos am besten kann: Italo-Rock der Achtziger und Neunziger. Darauf haben alle gewartet. Kraftvoll, röhrend, in bester Springteufel-Manier präsentiert sie die Songs, mit denen sie berühmt wurde: „America“, „Scandalo“, „Latin Lover“ und natürlich „Bello e impossible“. Da sitzt auch bei den Fans der Text wieder. Zwei Zugaben erklatschen sie sich noch. Es ist ein Abschluss voller Kusshände und die Zeit der großen Gesten. Beim melodramatischen „Meravigliosa Creatura“ breitet Nannini weit die Arme aus, bevor sie mit der Akustik-Gitarre den Schlussakkord setzt.Martin Ernst

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