Kultur : Faust-Kampf

Thomas D. und Bela B. ringen um Goethe

Helmut Ziegler

In einer Kurzgeschichte von Arno Schmidt gelangt ein Mann in jenen Teil der Hölle, in dem die Schriftsteller darben. Lange, sehr lange darben, denn sie können erst sterben, wenn sich auf Erden niemand mehr an sie erinnert. Der Besucher entdeckt zahllose Listen, darunter eine, auf der sich Goethes Name findet. An einem einzigen Tag wurde er 268 Mal in den Medien erwähnt, er kam in 1411 Schulaufsätzen vor, 529 Mal fiel sein Name in Gesprächen und 460 Verse von ihm wurden zitiert, 458 fehlerhaft. „Ja“, lautet das Fazit über den literarischen Untoten, „der hat gar keine Chancen“.

Seit neuestem hat er noch eine weniger. Denn jetzt ist das Hörbuch „Faust Vs. Mephisto“ (Deutsche Grammophon) erschienen, gesprochen von Thomas D., Rapper bei den Fantastischen Vier, und Bela B., Schlagzeuger der Ärzte. Für Regisseur Peter Geyer ist der Titel Programm: „Er macht klar, dies ist nicht das Original, dies ist eine krass bearbeitete Version.“

In der Tat: 62 Minuten dauert der Ritt durch der Tragödie erster Teil. Und er beschränkt sich strikt auf den verzweifelten Gelehrten Faust, der wissen will, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und den teuflischen Verführer Mephisto, „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Nebenfiguren, Nebenschauplätze – gestrichen. Nicht einmal die alte Jungfer Marthe oder das naive Gretchen kommen vor. Die Plattenfirma Deutsche Grammophon, die früher Bach- und Puccini-Best-of-CDs von Harald Schmidt und Klaus Wowereit präsentieren ließ, rechtfertigt das so: Angesichts der „latenten Frauenverachtung in Goethes Rollengestaltung kann man sie eigentlich auch gleich weglassen.“

Interessant. Fünf Tage lang schloss sich das Musiker-Duo Thomas D. und Bela B. im Tonstudio einer Eiffel-Kommune ein. Beide keine ausgebildeten Sprecher, dafür überzeugte Realschüler, hätten sie „das Mikro rübergereicht und ordentlich gebattled“ (Bela B.). Thomas D. legt seinen Faust dabei recht respektvoll an, mal bewusst provinziell, mal betont ungeduldig. Dann allerdings klingt er auch wie ein Vater, der nicht so viel Übung darin besitzt, seinem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Bela B. dagegen rockt: Er lockt, er foppt, er zischt, er presst. Das Böse ist seit jeher genussvoller zu spielen. So verwundert es nicht, dass Thomas D. in dem Sinnsucher Faust auch sich selbst zu erkennen meint und gar nicht mehr von ihm loskam: Er deklamierte ausgewählte Zeilen noch bei den Aufnahmen zum neuen Album der Fantastischen Vier. Für Bela B. ist Mephisto „der größte Manipulator der Weltliteratur, größer auch als Machiavelli“ und somit „ein Vorbild für jeden Rockstar“.

Ziemlich genau vor 50 Jahren veröffentlichte die Deutsche Grammophon erstmals eine Schallplatte mit Literatur, statt mit Musik – ein Faust-Mitschnitt mit Gustaf Gründgens als Mephisto. Ob der Plan aufgeht, dieses Jubiläum mit „Faust Vs. Mephisto“ zu feiern und den Jugendlichen einen Crash-Kurs in Sachen Bildung zu vermitteln? Wenn Lehrer ignoriert und Politiker mit Eiern beworfen werden, dann sind Thomas D. und Bela B. wahrlich die Richtigen, um das alte Goethe-Wort zu erfüllen: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben/ der täglich sie erobern muss.“

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