"Faust Sonnengesang" von Werner Fritsch : Mythos und Mystik

Über alle Klippen des Klischees hinweg: Der Autor und Regisseur Werner Fritsch inszeniert seine Neudichtung von Goethes „Faust“ als psychedelischen Trip.

von
Multitalent. Der Dichter, Hörspielautor und Dramatiker Werner Fritsch.
Multitalent. Der Dichter, Hörspielautor und Dramatiker Werner Fritsch.Foto: BR / Uta Ackermann / Suhrkamp Verlag

Das ewig Faustische zieht ihn hinan. So könnte man, frei nach Goethe, auch über den Dichter Werner Fritsch befinden. Seit zwei Jahrzehnten nämlich treibt den 1960 in der Bayerischen Oberpfalz geborenen Erzähler („Cherubim“), Hörspielautor und Dramatiker der „Faust“-Stoff um: als eigene Neudichtung und als höchst eigenwilligen Film. Unter dem Titel „Faust Sonnengesang“ soll am Ende ein ganztägiges, wie die Sonne 24 Stunden lang nicht untergehendes filmisch-literarisches Epos entstehen. Erste Proben waren schon 2011 im TV-Spartenkanal BR-alpha zu sehen, und am heutigen Pfingstmontag präsentiert der nämliche Sender ab 22 Uhr immerhin schon sechs Stunden des poesiefilmischen works in progress. Eine Fernsehreise bis in die Morgendämmerung.

Fausts lange versagter, weil mit Mephistos Todesdrohung aus dem Teufelspakt behafteter Wunsch, zum Augenblick zu sagen „Verweile doch, du bist so schön“ – er soll sich hier mit ewiger Götter- und Menschheitsgeschichte symbolisch erfüllen. Werner Fritsch streift dabei in Versen, Wechselreden, Gesängen durch Zeiten und Räume, so sollen alle Kontinente in Bildern und Worten assoziativ bereist werden. Am Ende der jetzt gezeigten sechs Stunden blickt Faust mit Mephista und Mephisto – auch in der Frau steckt das Himmlisch-Höllische, die Teufelei ist genderübergreifend – von der Atlantikküste gen Amerika. Als Nächstes hat der Autorfilmer nun die Neue Welt im Auge.

Ein Malstrom sich verschlingender Bilder

Aber die alte mit ihrer Kultur- und Literaturgeschichte ruht noch auf ihm. Fritsch möchte buchstäblich einen „Faust“-Keil treiben in Mythen und Überlieferungen. Also verwandelt sich Faust auch in König Gilgamesch und trifft statt auf Gretchen oder Helena auf die Göttin Ischtar, von denen die assyrische Keilschrift erzählt. Fritsch sagt, dass er seinen Gestirngesang zudem auf den Sonnen-Hymnus des Pharaos Echnaton bezieht. Voraufklärerisch „wider die herrschende Vernunft“ will er eine Welt jenseits der aktuellen Globalisierung schaffen. Jenseits auch der konventionellen „Spannungs-Dramaturgie Hollywoods“.

Daraus entsteht ein psychedelischer Trip, ein Feuer- und Malstrom sich verschlingender, verschwimmender, wiedervereinigender Bilder. Felder und Wälder, Schwellen und Wellen, Körper, Hochhäuser, Abgründe, vulkanische Impressionen, alles hoch assoziativ und umrauscht von zeitgenössischen Musiken, Computertönen, Bach-Chorälen. Anything goes.

Schauspieler*innen wie Angela Winkler, Corinna Harfouch, Irm Hermann, Herbert Fritsch, Peter Simonischek und Ulrich Matthes sprechen erdichtete Stimmen von Aphrodite bis Emmy Göring (über die Werner Fritsch einst ein Theaterstück verfasst hat), von König Midas bis Mephisto, Dante, Goethe und vieler Ahnen. Sogar Ezra Pound ist als Vorleser seiner „Cantos“ zu hören.

Poetisches Pathos des Elementaren

Und natürlich der Dichter selbst, als sein eigener Faust: „Mir fällt der Stein ein“ – das klingt erst wie ein Kalauer, wegen Peter Stein. Doch es geht weiter: „... auf dem ich als Kind / Allein im Schatten der Blutbuche saß / Licht rieselte durch die Blätter / Und ich sprach mit Gott / der mich den Stein mein Herz / Die Blutbuche erschuf / Bis die roten Blätter / Feuer fingen und ich / Meinen Hauch sah.“

Ja, das ist neue Mystik. Und kein Wunder, dass Ronald Steckel, der Regisseur einer emphatischen Annäherung an den Theosophen Jacob Böhme, ein Begleitwort und Unterstützung beigesteuert hat. Ebenso wie Steckels hier schon einmal besprochene „Morgenröte im Aufgang“ ist auch die noch unvollendete Version von Werner Fritschs „Faust Sonnengesang. Das sind die Gewitter der Natur“ auf DVD mit 64 Seiten Text in der Suhrkamp Filmedition erschienen (für 29,90 Euro). Im literarisch-motivischen Kontext lässt sich dazu auch Fritschs letztjähriges Buch „Nofretete/Das Rad des Glücks/Mutter Sprache“ lesen (Suhrkamp Verlag, 186 Seiten, 20 Euro). Wie sonst nur noch der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott („Erste Erde Epos“) wagt Fritsch über alle Klippen des Kitsches hinweg ein poetisches Pathos des Elementaren, Universellen, Episch-Hymnischen – dessen Wurzeln in den Mythen Altägyptens und des Zweistromlandes gründen. Vor Homer. Vor der Erfindung Europas.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben