Kultur : Favela ist überall

Blut und Milch: Brasilien beim Festival „In Transit“

Sandra Luzina

An dem Abend, als die Uraufführung von „Incarnat“ von Lia Rodrigues stattfand, gab es auf den Straßen von Maré einen Toten. Polizisten hatten einen Drogendealer erschossen. Meist wagt die Polizei sich nicht hinein in diese im Norden von Rio de Janeiro gelegene Favela. Hier herrscht Krieg – rivalisierende Drogenbanden liefern sich immer neue Schießereien.

„Crossfire“ (Kreuzfeuer) nennt man den Ort, wo sie arbeite, erklärt die Choreografin. „Und das ist keine Metapher.“ Vor drei Jahren hat Lia Rodrigues ihren Probenraum in die Favela verlegt. Ihre Tänzer hat sie vor die Entscheidung gestellt, ob sie ihr an den gefährlichen Ort folgen – die meisten sind ihr treu geblieben. Mittlerweile gehören der „Companhia de Dancas“ auch zwei junge Tänzer aus dem Viertel an. Sie wurden zunächst gefördert von einer der zahlreichen soziokulturellen Initiativen, die es mittlerweile in Maré gibt. Lia stellt ihre Getto-Kids nicht aus. Ihre Tanzbühne ist ein offener Ort – das umgebaute Bootshaus hat keine Türen.

„Die Favela ist nicht irgendwo an der Peripherie, die Favela ist überall“, erklärt die Choreografin. Damit drückt sie das neue Bewusstsein der brasilianischen Kunst-Szene aus. Dies wurde deutlich bei der Deutschlandpremiere von „Incarnat“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Auch an diesem eher ungefährlichen Ort ist das Stück ein politisches Statement, zumal es zum Auftakt des Brasilien-Schwerpunkts des Festivals „In Transit“ gezeigt wird.

Der sexuell anziehende Körper ist eine brasilianische Obsession – und ein klassenübergreifendes Statussymbol. Da der entblößte Körper in der Gesellschaft ständig sichtbar ist, verfallen die Künstler oft auf drastische Strategien, um anderer Körperbilder hervorzubringen. „Incarnat“ zeigt in abstrakten Szenen, wie sich Gewalt in den Körper einschreibt – das Stück ist beileibe keine Sozial-Reportage. Angeregt von Susan Sontags Essay „Das Leiden anderer betrachten“, untersucht die Performance das Schockpotenzial der Bilder – und geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Rodrigues konfrontiert brutal mit den Realitäten des Körpers – und bringt uns die brutalen Realitäten physisch nahe. Kleine Plastikobjekte, die geknetet werden, bis sie aufplatzen, sehen wie Organe aus. Rote und weiße Flüssigkeiten werden literweise verschüttet – wie Blut und Milch. Doch es wird Material wie Ketchup benutzt, die Choreografin verwendet die Farbe wie eine Malerin – erst sparsam, dann bis zum Exzess. Nach jedem Auftritt wird der beschmierte Darsteller von den anderen gereinigt – eine zärtliche Geste. Vorbilder von Caravaggio bis Lygia Clark wurden hier gut brasilianisch „kannibalisiert“.

Den Schmerz nicht wegzutanzen, darauf insistiert Lia Rodrigues in ihrem verstörenden Körper-Manifest. Danach konnte man feiern – und tanzen bis zum Umfallen.

In Transit läuft bis zum 4. Juni im Haus der Kulturen der Welt, www.hkw.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben