Fazil Say in Potsdam : Auf der Seidenstraße

Der Franz Liszt des 21. Jahrhunderts: Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say und die Kammerakademie Potsdam.

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Der Istanbuler Komponist und Pianist Fazil Say
Der Istanbuler Komponist und Pianist Fazil SayFoto: Bernd Thissen/dpa

Er ist der Franz Liszt des 21. Jahrhunderts: Weil Fazil Say eben nicht nur ein brillanter Pianist ist, sondern auch ein experimentierfreudiger Komponist, der gerne Konventionsgrenzen überschreitet und dabei scheinbar divergierende Stile zusammendenkt. Wie der Ungar Liszt ist der Türke Say zudem ein Machertyp mit enormer Bühnenpräsenz – und ein Weltbürger mit starken Heimatwurzeln. Sogar Outfit und Frisur erinnern bei Fazil Says Auftritt am Mittwoch im Kammermusiksaal an den Geistesbruder aus dem 19. Jahrhundert.

Bevor er selber in Aktion tritt, eröffnet die Kammerakademie Potsdam den Abend mit seiner „Chamber Symphony“, angeleitet von Konzertmeisterin Meesun Hong Coleman. Arabische Melismen und stark vorwärts drängende Rhythmen prägen die Ecksätze des 2015 uraufgeführten Werks, der ruhige Mittelteil erzählt von der Schwüle einer südlichen Nacht. Fazil Say schreibt eine äußerst sinnliche Musik voll suggestiver Lautmalerei, die beim Hörer sofort die eigene Fantasie in Gang setzt. Im Flageolett der Streicher fliegt einmal sogar ein zwitschernder Vogelschwarm durchs Klangbild.

Say zieht hier keine Ego-Show ab

Bei seinem Klavierkonzert „Silk Road“ verrät schon der Name, wohin die Reise geht. Gong, Liegetöne im Kontrabass sowie Triller und chromatische Läufe des Pianisten beschwören Scheherazade-Atmosphäre, Fazil Say hat zudem den Flügel so präpariert, dass er ihn auch als Schlag- und Zupfinstrument nutzen kann. Rührend harmlos wirkt dagegen, wie einst Joseph Haydn und sein Zeitgenosse Joseph Martin Kraus osmanisches Lokalkolorit erzeugt haben: mit Becken, Trommeln, Triangel und Schellenbaum nämlich, wie sie das bei den Elitesoldaten der Janitscharen gehört hatten. Wobei der bedrohliche kriegerische Krach lediglich exotische Dekoration bleibt, nie unter die Oberfläche der traditionellen Wiener-Klassik-Tonalität dringt.

Bei Mozarts 23. Klavierkonzert, dem einzigen Stück, das jenseits des „alla turca“-Mottos steht, kommt die Spannung statt von außen nun von innen: wenn Fazil Say beispielsweise im eröffnenden Allegro mit der linken Hand exzentrisch den harmonischen Verlauf seines Parts hervorhebt. Fester, temperamentvoller als gewohnt ist sein Zugriff auch im langsamen Satz, bei dem der Solist nicht still vor sich hin leidet, sondern gegen seine Einsamkeit aufbegehrt. Weil der Pianist hier keine Ego-Show abzieht, sondern stets den intensiven Dialog mit seinen Mitspielern sucht, überzeugt er aber auch mit dieser Lesart.

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