Fazit : Tops & Flops

Welche Berlinale-Filme haben am meisten beeindruckt? Und welche waren richtige Reinfälle? Die Meinungen der Tagesspiegel-Redakteure.

Kerstin Decker

Top: „Mitte Ende August“ von Sebastian Schipper. Für seine Schönheit, seine Verzweiflung, seinen Minimalismus, seinen Witz. Für seine Wahrheit.

Flop: „Ricky“ von François Ozon. Babytrash? Engeltrash? Vielleicht prallt gerade an diesen Personengruppen aller Trash ab, weil sie nicht schuldfähig sind.

Silvia Hallensleben

Top: „Sweetgrass“ von Lucien Castaing-Taylor und Ilisa Barbash. Monumental-Minimalismus mit fluchenden Sheepboys und störrischen Schafen, zwischen Meditation und purer Action. Wenn das noch auf 70-mm wäre!

Flop: „Shock Therapy“ von Michael Winterbottom und Mat Whitecross. Enttäuschend, wie aus einem klugen Buch oberflächlicher Sensationalismus wird.

Julian Hanich

Top: „The Exploding Girl“ von Bradley Rust Gray. Eine Teenager- Liebe. Bezaubernd einfach. Einfach bezaubernd.

Flop: „Ricky“ von François Ozon. Es spricht nicht für einen Film, wenn man der Titelfigur ein Ende in der Fritteuse von „Kentucky Fried Chicken“ wünscht.

Sebastian Handke

Top: „My Dear Enemy“ von Lee Yoon-Ki. Ein Tag im herbstlichen Seoul: zwei Nicht-Mehr-Liebende begegnen sich noch einmal. Leicht, präzise, perfekt.

Flop: „Alle Anderen“ von Maren Ade. Plärrende Nabelschau ahnungsloser Mittdreißiger in einem dieser deutschen Beziehungsdramolettchen.

Nadine Lange

Top: „Alle Anderen“ von Maren Ade. Präziser hat lange kein Film mehr eine Beziehung durchleuchtet. Birgit Minichmayr ist spektakulär.

Flop: „Effi Briest“ von Hermine Huntgeburth. Kein Leid, keine Leidenschaft und ein beknackter Schluss. Nur für Schulklassen und Bundeskanzlerinnen.

Harald Martenstein

Top: „My One and Only“ von Richard Loncraine. Nicht der beste Film. Aber, verdammt noch mal, derjenige, den ich mit der besten Laune verlassen habe.

Flop: „Forever Enthralled“ von Chen Kaige. Das schlimmste Geräusch, das Menschen sich je ausgedacht haben, heißt „Pekingoper“.

Helmut Merker

Top: „Doctor Ma’s Country Clinic“ von Cong Feng: ruhender Pol in rebellischer Gesellschaft, kettenrauchender Landarzt mit seinen traditionellen Mitteln der Diagnose: Hände und Augen.

Flop: „Ricky“ von François Ozon: Hässliche Krähenflügel mit kreischendem Baby, Macken der Realität statt magischem Realismus.

Frank Noack

Top: „Alle Anderen“ von Maren Ade. Wegen der stimmigen Details und der menschlichen Wärme, die von Birgit Minichmayr ausgeht.

Flop: Keiner, trotz Ansätzen bei „Mammoth“, „Rage“ und „Ricky“. Ich vermisse das empörte Türenknallen.

Christiane Peitz

Top: „The Exploding Girl“ von Bradley Rust Gray. Der leichteste Film des Festivals: darüber, dass es nicht leicht ist, jung zu sein. Die Jugend in den Kinofoyers sah anders aus danach.

Flop: „The Dust of Time“ von Theo Angelopoulos . Einen Film trotz so toller Schauspieler zu vermurksen, ist eine Leistung.

Daniela Sannwald

Top: „Chéri“ von Stephen Frears. Wie aus einer seichten Vorlage großes Kino wird.

Flop: „Hilde“ von Kai Wessel. Wie aus einem großen Vorbild seichtes Kino wird.

Christian Schröder

Top: „Dorfpunks“ von Lars Jessen. Ein hinreißender Film über eine Jugend in der Provinz der Achtziger, die sich nur mit Krachmusik und Dosenbier ertragen ließ.

Flop: „John Rabe“ von Florian Gallenberger. Ein übergroß geratener Film über einen guten Nazi. Weil der Regisseur seiner Story misstraut, hat er eine klebrige Liebesgeschichte hinzuerfunden.

Jan Schulz-Ojala

Top: „Alle Anderen“ von Maren Ade. Weil eine Regisseurin, die in ihrem Debütfilm grandios von der Einsamkeit einer jungen Frau erzählte, nun umso grandioser von der Einsamkeit in der Liebe erzählt.

Flop: „Mammoth“ von Lukas Moodysson. Weil ein Regisseur, der in seinen kleineren Filmen schmerzhaft die Defekte moderner Familien freilegte, im Buhlen um das Mainstream-Publikum zielstrebig genau diese Risse zukleistert.

Christina Tilmann

Top: „Ryan’s Daughter“ von David Lean. So viele Kostümfilme dieses Jahr. So viele Liebesgeschichten. Und dann kommt ein Retro -Film von 1970 und fegt alles weg. Mit Himmel. Strand. Sturm. Und Musik.

Flop: „Mitte Ende August“ von Sebastian Schipper. Wegen der enttäuschten Erwartungen. Was bei Maren Ade subtile Beobachtung ist, bleibt hier Behauptung.

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