Kultur : FDP: Auf dem Absprung

Robert Birnbaum

Die Herren gaben sich zum Abschied die Hand, ansonsten aber zugeknöpft. "Man muss auch mal ein Gespräch führen können, ohne hinterher gleich etwas bekannt zu geben", beschied der FDP-Chef Wolfgang Gerhardt knapp. Guido Westerwelle, ein von der Sonne Floridas frisch gebräunter Generalsekretär, blieb nicht minder schweigsam. Was die beiden Spitzenleute der Liberalen am Mittwoch im Wiesbadener Landtag zu bereden hatten, soll angeblich erst beim Dreikönigstreffen öffentlich bekannt gegeben werden. Das findet am Sonnabend in Stuttgart statt, im Staatstheater - der rechte Ort für den nächsten Akt des freidemokratischen Possenspiels. Höchst unwahrscheinlich, dass es der letzte Akt wird. Eins indessen zeichnet sich nach dem Hin und Her der letzten Tage doch ab: Bei der FDP wird der Führungswechsel in die Wege geleitet. Nur dauert er länger als mancher dachte.

"Wer wird was bei der FDP" - das Stück läuft seit Monaten, die Rollen und ihre Darsteller sind bekannt. Lange sah es so aus, als laute die Antwort auf die gestellte Frage schlicht: Jeder bleibt, was er ist. Seit zwei Jahren werden immer neue Intrigen gegen Gerhardt gesponnen. Zu sehr der CDU verhaftet, zu bieder, zu wenig medienwirksam - kurz, kein Mann der Zukunft: So die Urteile hochmögender Parteifreunde. Aber keiner hat sich je aus der Deckung gewagt. Nur Jürgen Möllemann. Aber von dem war man das ja gewohnt.

Einer ist immer ganz besonders in der Deckung geblieben: Guido Westerwelle. Dabei hat er nie wirklich ein Hehl daraus gemacht, dass er Gerhardt beerben will. Und es hat auch niemand je daran gezweifelt, Gerhardt übrigens eingeschlossen, dass das gelingen wird. Westerwelle ist ein Star, der Parteitage zum Toben bringt, der sich den Auftritt im "Big Brother"-Container leisten kann, der die Öffnung zu neuen Koalitionspartnern schon in der Ära Kohl betrieben hat. Ein Mann mit Zukunft.

Aus der Deckung gekommen

Nun würde Westerwelle freilich am liebsten mit Gerhardts Segen das Erbe antreten, nicht gegen den Älteren. Denn Gerhardt ist in der gutbürgerlichen Honoratiorenpartei FDP als aufrechter Kerl geschätzt. So einen stürzt man nicht ungestraft. Ein Westerwelle geht solch schwer zu kalkulierendes Risiko schon gar nicht ein. "Schlechte Positionen meidet er ja grundsätzlich", sagt ein Liberaler. Doch immer gelingt das nicht. Westerwelle hat einen Fehler gemacht - er war ein Stückchen aus der Deckung gekommen. Vor Weihnachten im NRW-Landesvorstand, bedrängt, seine Ambitionen offen zu legen, war dem Generalsekretär ein verräterischer Satz entfleucht. Er wisse, was er wolle, und wisse, wann er es sagen werde: Am 25. März nach 18 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt schließen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz die Landtagswahllokale. Der Satz konnte nur eins heißen: Westerwelle wollte beim Parteitag Anfang Mai als Parteichef kandidieren.

Seither stand er unter Druck. Die Landtagswahlkämpfer - Döring in Stuttgart, Baukhage in Mainz - drohten unmissverständlich, sie würden den Generalsekretär für schlechte Ergebnisse in Haftung nehmen, wenn er die Spekulationen nicht bis Dreikönig beende. Dem von Westerwelle wie ja auch von Gerhardt gewünschten glatten Übergang aber stand ein Dritter im Wege: Möllemann. Seit Wochen zieht der wieder durchs Land, preist sein "Projekt 18" und sich selbst als "Kanzlerkandidaten" und schimpft über alle Kleingläubigen.

Gerhardt hat daraufhin auf stur geschaltet. Ob er an ein Bündnis Westerwelle-Möllemann glaubt oder einfach nur, dass der Jüngere dem ausgebufften Fallschirmspringer nicht genug Widerstand entgegensetzen könnte - gleichviel: "Er will auf keinen Fall, dass Möllemann in der Partei wieder was zu sagen hat", sagt ein Vertrauter des Chefs. Und darum, als Bollwerk gegen den umtriebigen Münsteraner, will Gerhardt nicht weichen. Bis zur Bundestagswahl 2002 nicht. Danach darf Westerwelle ran. Der Generalsekretär hat das gewusst. Und er hat die Zwickmühle gesehen: Einfach abwarten und nichts tun geht nicht, gegen Gerhardt antreten ist riskant. So erklärt sich die Idee zur Gesichtswahrung des Generalsekretärs, die die Herren in Wiesbaden besprochen haben.

Alles bleibt, wie es ist. Nur eins ändert sich: Westerwelle wird im Wahlkampf 2002 als Spitzenkandidat auf die Plakate gehievt. Oder als so etwas ähnliches - wie das Kind genau heißen soll, darüber wollen Gerhardt und sein General noch einmal reden. Vielleicht heißt der neue Posten sogar "Kanzlerkandidat". Womit endgültig klar wäre, gegen wen sich die Operation richtet. "Möllemann wird nicht mehr benötigt, und sein Projekt 18 findet ohne ihn statt", sagt ein Berliner Liberaler. Am Freitag, als Gastredner beim Landesparteitag der baden-württembergischen FDP, wird Möllemann sagen, was er davon hält. Vielleicht tritt ja zur Abwechslung mal wieder er gegen Gerhardt an?

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