Kultur : Federkernerotik

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Im Film kommt an dieser Stelle meist ein Schnitt. Ein Mann und eine Frau flirten und umkreisen einander, kommen sich als Liebende näher, und nah – in der nächsten Szene liegen sie nebeneinander zwischen den Bettlaken, die körperliche Begierde erschöpft. In Klaus Gehres Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Reigen“ – der zweiten Arbeit der Gruppe „Current Circuit“ – in der Brotfabrik vollführen die Figuren einen wahren Geschlechtertanz. Die Bühne verdunkelt sich, wenn ein Paar zusammen findet, der Blick wird auf einen rechteckigen Ausschnitt in der Kulisse gelenkt, der von hinten erleuchtet wie ein Oberlicht erscheint. Im Gegenlicht tanzen ein männlicher und ein weiblicher Rumpf, mehr ist von den Figuren nicht zu sehen. Eine possierliche Geschlechterpirsch. Eine Frau windet sich um einen Pfeiler, ein Mann umgarnt sie mit der Seide seiner hübschen Augen. Die Figuren folgen einer strengen Choreographie und präsentieren einander ihre Reize in einer Art statischem Tanz. Sie kommunizieren erst schweigend, dann ergänzen Schnellsprech-Dialoge die schmucklosen Duette. Fritz, Robert, Alfred oder Karl heißen die Männer, aber was bedeuten schon n. Launen sind diese Liebschaften. Ähnlich launenhaft scheinen jedoch die Schauspieler in die Rollen zu schlüpfen, ihre Mimik übernimmt mitunter die Statik der Tanzschritte. Sex ist mehr eine Verrichtung, die auf einer kargen Matratze ohne Bettlaken stattfindet. Doch jede Umarmung endet im Blackout. Der Federkern ist ein wackliges Terrain, größere Standfestigkeit zeigen die Figuren, wenn sie sich mit beiden Beinen auf festem Boden zu Strategiegesprächen gegenübertreten: die Sprache der Liebe als eine Sprache der Macht und des Kalküls. Wie viele Münder haben diese Lippen schon geküsst?, fragt sich der Liebhaber. Wie viele Frauen haben schon wie Emma in Alfreds Armen gelegen? In Schnitzlers Reigen schließt sich der Kreis, indem die Liebenden einem jeweils nächsten die Hand reichen. Das Skandalstück der Jahrhundertwende ringt lange nicht mehr mit den Empörungsschreien aus dem Publikum. Mühevoller scheint der Kampf, das Image des Oberstufen-Schultheaters abzustreifen (bis 28. Juli, 31. Juli bis 4. August, jeweils 20.30 Uhr). Dorte Huneke

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