Kultur : Feiern bis zum Abspann

Teddys, Russen und Exzentriker: Der Schwul-lesbische Filmpreis geht an Helmut Berger. Und die Promifete für „Day Watch“

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So etwas, sagt Helmut Berger , wäre 1968 noch nicht möglich gewesen. Damals drehte er mit seinem Förderer und Lebensgefährten Luchino Visconti „Die Verdammten“ – der Film, der Berger den internationalen Durchbruch verschaffte. An einen Preis für den mehr oder weniger offenen Umgang mit ihrer Partnerschaft haben Visconti und Berger damals nicht im Entferntesten gedacht. Jetzt sitzt Berger auf der Showbühne im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof und erhält den Spezial-Teddy für sein Lebenswerk. Das schließt auf der Gala zur Verleihung des schwul-lesbischen Filmpreises der Berlinale ausdrücklich sein Bekenntnis zu seiner bisexuellen Lebensweise ein. Sein Kommentar: „Ihr seid alle verrückt.“

Die Verrückten sind am Freitagabend zahlreich. Mehr als 1000 Gäste sitzen in der riesigen Halle und lauschen dem, was Berger sagt. Zwei Stunden hat sich die Show zu diesem Zeitpunkt schon hingezogen, bis sie mit dem mitternächtlichen Auftritt des einst als „schönstem Mann der Welt“ bezeichneten Berger seinen programmierten Höhepunkt hat. Berger bedankt sich für den Preis, dem ersten, den er in Deutschland erhalte: „Warum soll man immer Äpfel essen, wenn man auch Erdbeeren haben kann?“ Als die Trophäe in Gestalt einer zehn Zentimeter großen Metallfigur nach den Entwürfen des Comic-Zeichners Ralf König vor ihm steht, sagt Berger: „Ach, so klein ist der?“ Dabei wechselt er vom Englischen ins Deutsche, „weil ich 40 Jahre kein Deutsch gesprochen habe.“

„Sondern welche Sprache?“, will die Moderatorin wissen.

„Alle Sprachen.“

Die Moderatorin nickt kurz: „...okay.“

Berger, der vor einigen Jahren von Rom nach Salzburg in das Haus seiner Mutter gezogen ist, erhält seinen größten Applaus, als er am Schluss der Show mit der Bemerkung schließt: „Es geht um Toleranz und um die Liebe, vergesst das nicht.“ Danach spielen sich auf der Bühne tumultartige Szenen ab. Berger wird umringt von Fans, Autogrammjägern, Kameraleuten, Fotografen und Reportern und verlässt, geschützt von Leibwächtern, den Hangar schließlich durch den Hinterausgang.

Bergers Auftritt überlagert alle anderen Programmpunkte der Gala. Den Teddy für den besten Film erhält die taiwanesische Regisseurin Zero Chou für ihren Film „Ci-Quing“, in dem es um die Beziehung einer Cybersex-Frau zu einer Tattoo-Künstlerin geht. Die US-Regisseurin Esther Robinson erhält den Preis für den besten Dokumentarfilm für „A Walk into the Sea“, in dem sie ihrem verstorbenen Onkel nachspürt. Der erstmals vergebene Teddy-Zuschauerpreis geht an „Notes on a Scandal“ mit Cate Blanchett und Judie Dench in den Hauptrollen.

Die Damen lassen die Gala aus, dafür ist aber Schauspielerin Natalie Portman da, die angeregt mit dem spanischen Produzenten Javier Bardem plaudert (der dabei kräftig mit angeklebten Wimpern klimpert). Zudem gibt es ein Schaulaufen der Berliner Prominenz, angeführt von Klaus Wowereit , der in kämpferischem Ton gegen das erneute Verbot der Christopher-Street-Day-Demonstration in Moskau wettert. Der Grünen-Politiker Volker Beck berichtet noch einmal von seinen Erfahrungen bei der letzten Demonstration, wo er von Gegendemonstranten geschlagen und verletzt wurde. Applaus bekommt er dafür nicht nur von seiner Parteichefin Claudia Roth , sondern auch von den Künstlerinnen Marianne Rosenberg , Judy Winter und Irm Hermann . Bei der anschließenden Party beweist der Regierende aber das längste Stehvermögen, zusammen mit dem Schauspieler Georg Uecker und den Szene-Größen Ades Zabel und Biggy van Blond . oew

Zu den Stehern der Berlinale gehörte auch Komiker Oliver Kalkofe . Auf fast jeder Party war er unterwegs, schüttelte Hände und grinste in die Kameras. Freitagabend in der A-Lounge in der Karl-Marx-Allee ließ der 41-Jährige das Festival gemütlich ausklingen: Wie sein Kumpel Bastian Pastewka gehörte er zu den Promis, die den russischen Fantasy-Film „Day Watch - Wächter des Tages“ mit einem Gläschen Sekt begossen, der zuvor im Kino International nebenan gezeigt worden war. Auch Daniel Brühl und Robert Stadlober merkte man an, dass ihre Berlinale-Nächte lang gewesen sein müssen. Die Jungs von Tokio Hotel hingegen konnten alle noch stehen, die sind schließlich auch unter 20. Und wieder andere waren voller Tatendrang für die Nach-Berlinale-Zeit: Isabelle Knispel , bis vor drei Tagen noch Miss Germany, strahlte den ganzen Abend. Weil die Pankowerin geschafft hat, was nur wenigen Schönheitsköniginnen gelingt – nach Ende ihrer Regentschaft im Geschäft zu bleiben. „Ich hab Model-Aufträge fürs ganze Jahr. Endlich mal Stress, über den man sich freuen kann.“ Regisseur Detlev Buck steckt mitten in seinem nächsten Projekt. „Ein guter Mann“ lautet der Arbeitstitel des Films. Ob der Streifen vielleicht auf der Berlinale 2008 läuft? „Och nö, man soll es ja nicht übertreiben mit dem Ehrgeiz“. sle

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