Kultur : Feiern mit dem Feind

Landserdrama fürs Herz: Christian Carions „Merry Christmas“

Christian Schröder

„Der Film beruht auf wahren Ereignissen“, verkündet der Abspann. Tatsächlich ereignete sich 1914 in Nordfrankreich ein Weihnachtswunder. Britische, französische und deutsche Soldaten, die eben noch aufeinander geschossen hatten, verließen ihre Schützengräben und feierten miteinander. Aber war unter ihnen ein Heldentenor, der mit einem Tannenbaum in der Hand „Stille Nacht“ schmetterte? Kann Musik auf einem Schlachtfeld so erhaben hallen wie in der Oper? Tropften allüberall Soldatentränen in den Neuschnee?

„Merry Christmas“ ist ein ambitioniertes Großprojekt, hergestellt mit französischer, deutscher, englischer, belgischer und rumänischer Beteiligung. Derlei Koproduktionen, die schnell ihre dramaturgische Kontur verlieren, werden gern als Europudding verspottet. Bei „Merry Christmas“ hingegen war es noch die beste Idee, sich der Front von drei Seiten zu nähern. In den schottischen Highlands melden sich bei Kriegsausbruch zwei Brüder begeistert zu den Fahnen – ein Priester (Gary Lewis), der mit Gott hadert, begleitet sie. Der Startenor Nikolaus Sprink (Benno Fürmann) steht mit seiner ebenso berühmten Freundin Anna Sörensen (Diane Krüger) in Berlin auf der Bühne und wird bald eingezogen. Und der französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet), dessen Vater General ist, sieht im Krieg vor allem eine Karrierechance.

Lens heißt der Ort, an dem die Figuren aufeinander treffen. Monatelanges Artilleriefeuer hat ihn in eine Mondlandschaft verwandelt, aus der im Hintergrund die Überreste von Häusern aufragen. Bei einem Sturmangriff auf die deutschen Linien stirbt ein Drittel der französischen Soldaten. Trotzdem toben die Offiziere, weil die Überlebenden das eroberte Terrain nicht halten können. Den mörderischen Zynismus der Generalität hat schon Stanley Kubrick mit „Wege zum Ruhm“ angeklagt. Szenen aus den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs zeigte zuletzt Jean-Pierre Jeunet in „Mathilde“ in einer neuen ästhetischen Wucht.

In „Merry Christmas“ wirkt der Krieg altbacken und merkwürdig aufgeräumt. Die Granateneinschläge verpuffen wie ein fernes Silvesterfeuerwerk, die Unterstände sehen wie rustikalere Skihütten aus. Leutnant Audebert zeichnet nach der Schlacht Käfer in sein Tagebuch, Ernst Jünger hielt es ähnlich. Dieser Audebert gehört zu jenen Offizieren, die es nur in Kriegsfilmen gibt. „Ich muss bei meinen Männern bleiben“, sagt er, von der Fronterfahrung geläutert, als sein Vater ihm einen Posten im Hinterland anbietet. Daniel Brühl verkörpert als deutscher Leutnant Horstmayer das vermeintliche Gegenmodell. „Gut gemacht“, lobt er einen Scharfschützen, der einen Sanitäter erschossen hat. Der Leutnant ist Jude, schon das macht ihn zum Außenseiter. Inmitten lauter Pappkameraden – gute Landser, böse Generäle – bleibt er die einzige doppelbödige Figur.

Regisseur Christian Carion hat den Stoff mit Pathos bis zur Lächerlichkeit aufgeblasen. In einem Buch über den Krieg in Flandern will er von einem deutschen Tenor gelesen haben, dem am Heiligen Abend von 1914 französische Soldaten applaudierten. Dieser Tenor ist sein Erlöser. Beim Auftritt im deutschen Hauptquartier singen Benno Fürmann und Diane Krüger „Bist du bei mir / Geh’ ich mit Freuden zum Sterben“ und schauen einander tief in die Augen.

Das Champagnersaufen im Generalstab ekelt den Künstler an, er muss zurück zu seiner Einheit. „Stille Nacht“ interpretiert der Sänger dann so schmachtend, dass die Schotten am anderen Ende des Schlachtfelds die Melodie mit ihren Dudelsäcken weiterspielen. Es folgt: Verbrüderung der Feinde, Austausch von Geschenken, gemeinsames Essen und Fußballspiel. Fürmann pumpt die Lungen auf und wirft heldenhafte Blicke. Seinen Gesang übernimmt das Playback. „Merry Christmas“ soll „ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe“ sein. Der Film ist aber nur saurer Kitsch.

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