Kultur : Feind-Bilder

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Seit es den Film gibt, hat er eine Affinität zur Musik.Es entwickelte sich eine eigene Praxis und Theorie der Filmmusik - zu den wichtigsten Studien über das Zusammenspiel von Musik und Film gehört das Buch von Theodor W.Adorno und Hanns Eisler.

Auf diese "kritische" Ästhetik rekurrierte nun auch ein Nachtstudio, das die Brandenburgische Philharmonie Potsdam, das städtische Filmmuseum und das Potsdamer Stadtfernsehen gemeinsam konzipiert hatten.Friedemann Werzlau und Olaf Gutowski hatten ein Programm aus sieben eigenen Kurzfilmen beziehungsweise bearbeiteten Filmausschnitten zusammengestellt, das durch Musik von Mauricio Kagel, Edgard Varèse, Helmut Oehring und Heiner Goebbels kommentiert wurde.Im Zusammenspiel entstanden dabei gewagte, ja fragwürdige Botschaften: Kagels "Märsche um den Sieg zu verfehlen" stammen aus seinem Hörspiel "Der Tribun", in dem ein einsamer Diktator ohne Volk mit einem grotesken Spiel um demagogische Worthülsen vorgeführt wird.Daß diese Musik nun ausgerechnet zu amerikanischen Bildern vom Kosovo-Krieg erklingt, grenzt an Diffamierung.Verkürzt ist es sicherlich auch, Edgard Varèses "Integrales" von 1926 in den Kontext des Ersten Weltkrieges zu stellen: Zwar wandte sich der französische Komponist mitten im Krieg dezidiert von seiner europäischen Heimat ab und suchte in Amerika eine ästhetische und biographische Neuorientierung.Doch sind seine Visionen von einer "befreiten" Tonkunst eher von Ferruccio Busoni, dem Futurismus und einer industrialisierten Umwelt angeregt als durch eigene Kriegserfahrung.Zu Bildern des Stadtfernsehens von einem Kostümaufmarsch der "Langen Kerls" im Jahre 1996 in der Potsdamer Innenstadt intonierte Helmut Schulte an der Wurlitzer Kinoorgel alte preußische Märsche.Mit Preußen, Polizei und der Nato wurde ein diffuses "Feindbild" konstruiert, zu dessen Unterstreichung eine Musik herhalten mußte, deren Verwendung an Mißbrauch grenzt.

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