Kultur : Feinde des Volkes

Im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen wird Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ zum Drama

Kerstin Decker

Wie viele auf einmal Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ kaufen, sagte eine Buchhändlerin in Süddeutschland begeistert. Hubertus Knabe sah sie zweifelnd an. Die meisten kennen kaum noch den Titel dieses Buches, das ihn so tief geprägt hatte, und nun wird das wieder ein Bestseller? Was ist geschehen? Hubertus Knabe wusste es schon einen Buchhändlerinnen-Satz später: Eine Sonnenfinsternis war angekündigt worden in Deutschland, und die Menschen hatten diesem Schauspiel nicht unvorbereitet gegenüberstehen wollen.

Wo Koestlers „Sonnenfinsternis“ spielt, scheint nie die Sonne. Denn der Held hat eine viel größere Sonne geschändet – die Sonne des Kommunismus. Deshalb ist Nikolai Salmanowitsch Rubaschow jetzt hier, in den Verliesen des NKWD, wo Koestlers Sonnenverdunkelung stattfindet. Am kommenden Sonnabend, zwei Tage vor Koestlers 100. Geburtstag, ereignet sie sich im Keller des einstigen Untersuchungsgefängnisses der Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Dort, wo die Streikführer des 17. Juni saßen. Und der Leiter des Aufbau- Verlags Walter Janka oder der einstige DDR-Außenminister Georg Dertinger. Oder der KPD-Mann Kurt Müller. Zum ersten Mal wird aus dem Roman ein Theaterstück. Das war Knabes Idee.

Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte, die einst das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit war, hat einen sehr schönen Balkon. Hier hat man einen guten Überblick über ein Areal, das in keinem DDR-Stadtplan vorkam. Die Straßen hörten einfach auf. Auch die Häftlinge wussten nicht, wo sie waren. Hohe Wachtürme, eine Mauer mit Stacheldraht obendrauf und vor uns ein Sechzigerjahre-Hufeisenbau. Man brauchte in den Sechzigern Platz für die Feinde des Sozialismus. Denn während des Aufbaus des Sozialismus verschärft sich der Klassenkampf, hatte Stalin gesagt. Mielke sagte das auch. Die Sonne steht am wolkenlosen Himmel, Knabe schaut prüfend nach oben: das Wetter gefällt ihm nicht. Ein grauer Grabplatten-Herbsthimmel würde viel besser zur Location passen. Aber der Kontrast ist gut. Wir gehen hinunter in den Keller, der ursprünglich die Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt war. Die Russen machten sie nach dem Krieg zum Internierungslager. Dann übernahm die Staatssicherheit. Knabe öffnet eine schwere Zellenverliestür. Der Raum dahinter ist winzig und niedrig. Kein Fenster, keine Entlüftung. Nur eine Holzpritsche und ein Zinkeimer, die Toilette.

Hier gehen am Sonnabend auch die Theaterbesucher vorbei. Denn hier saßen sie, die Untersuchungsgefangenen. Sitzen ist genau das richtige Wort. Liegen tagsüber war verboten. Und Anlehnen auch. Gerade sitzen und Hände auf die Knie!

Wie viele andere versuchte auch Kurt Müller, sich nicht anzulehnen, aber manchmal sank er doch um. Denn seine Nächte verbrachte er beim Verhör. Obwohl er in dem ewigen Halbdunkel seiner Zelle schon bald das Gefühl für Tag und Nacht verloren hatte. Kurt Müller ist ein real existierendes Alter Ego des Nikolai Salmanowitsch Rubaschow, jenes von Koestler erdachten Mustergenossen, der der Partei auf tragische Weise verpflichtet ist. Seit April 1948 war Müller stellvertretender Vorsitzender der KPD in Westdeutschland. Im März 1950 bestellte ihn die SED nach Ostberlin und verhaftete ihn. Er war der erste führende Kommunist, den das MFS festnahm und zu 25 Jahren Haft verurteilen ließ.

Wie Gefängnisse aussehen, wusste Müller schon. Er hatte fast sein ganzes Leben dort verbracht. Seine kommunistischen Brüder in der Sowjetunion hatten ihn bereits nach Gorki verbannt, 1934 kam er als kommunistischer Untergrundarbeiter zurück nach Deutschland, wurde umgehend wieder verhaftet und erlebte das Kriegsende im KZ Sachsenhausen. Nun kam Erich Mielke auf die Idee, mit ihm einen Schauprozess zu inszenieren. So etwas, was Stalin 1937 gemacht hatte. Ein großer Prozess „zur Erziehung der Massen“ sollte es werden.

Wir stehen noch immer in der winzigen Zelle. Koestler hat die Haft viel zu komfortabel beschrieben, überlegt Knabe, Rubaschow durfte aus dem Fenster sehen und rauchen. Müller durfte das nicht. Knabe weist auf die erhöhte Schwelle. Die war so hoch, damit man die Zelle unter Wasser setzen konnte. Müller hat hier fünf Monate lang mit den Füßen im Wasser gestanden. Oder gesessen, die Hände auf den Knien.

Der Leiter der Gedenkstätte und Koestler-Leser spricht leise. Vielleicht, weil ein kaum betonter Schrecken ein noch größerer Schrecken ist. Werden die Schauspieler Udo Schenk, Sven Riemann und Max Volkert Martens am Sonnabend auch so sprechen? Die Dialoge haben in der Theaterfassung von Helmuth Frauendorfer nichts von ihrer absurden, grausamen Kraft verloren. Wie ein Sog zieht „Sonnenfinsternis“ den Leser hinein in ein Tunnelsystem des Bewusstseins. Darin gibt es nichts Privates mehr, nicht einmal der Tod ist noch privat: „Der Ausdruck ,physische Liquidation’ erweckte seinerseits nur eine einzige konkrete Vorstellung: das Aufhören der politischen Aktivität.“ So Koestler, der in den Dreißigerjahren selbst Kommunist war und wissen wollte, wie die absurden Selbstbezichtigungen von Bucharin und anderen bei den Moskauer Schauprozessen 1937 zustande kamen. Wer „Sonnenfinsternis“ liest, ahnt es. Und Koestler macht es sich nicht einfach, seine Akteure sind – im Unterschied zu Erich Mielke etwa – hochintelligente Menschen. Intelligenz, die sich freiwillig in Bewusstseins-Kellern interniert, ist dämonisch.

Der letzte Gefangene in Hohenschönhausen hieß Erich Mielke. Er durfte, was kein Häftling vor ihm durfte: Bei den Rosen im Hof sitzen. Trotzdem, miserables Gefängnis, dachte Mielke und beschwerte sich. Man verlegte ihn in ein schöneres Gefängnis nach Berlin West.

„Das Verhör“ am 3. 9. um 19.30 Uhr in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Genslerstr. 66, Tel. 98 60 82 30)

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