Kultur : Feine Verwebungen

Faible für die Fauna: Christine und Irene Hohenbüchler bei Barbara Weiss

Nicola Kuhn

Es gab eine Zeit, man muss das wohl so deutlich sagen, da waren die Hohenbüchlers mächtig angesagt. Das war in den Neunzigern. Da hatten die Maler und das damit häufig einhergehende Machogehabe den Kunstmarkt noch nicht erobert, und ein wenig verschrobene künstlerische Ansätze wie die „multiple Autorenschaft“ der Wiener Zwillingsschwestern (Jahrgang 1964) kam in Zeiten der sensiblen Selbstbefragung gerade recht.

Christine und Irene Hohenbüchler versuchten damals allen Ernstes – durch alte Interviews ist das verbürgt – den Kunstbetrieb zu therapieren und die Egotrips ihrer Kollegen subtil zu relativieren. Ihre Methode bestand darin, den Betrachter nicht nur über ihre eigene jeweilige Urheberschaft im Unklaren zu lassen, sondern den Kreis der am Kunstwerk Beteiligten nochmals zu erweitern. So integrierten sie kurzerhand die in Workshops entstandenen Werke von psychisch Kranken, Strafgefangenen, Drogensüchtigen in ihre Installationen.

Die Bekehrung des Kunstbetriebs konnte natürlich nicht funktionieren; dafür waren die Schwestern selbst viel zu sehr Teil des Systems. Aber sie haben doch eine Position markiert, eine klare Handschrift hinterlassen, ja das Prinzip der Verwebung erfunden. Das gilt auch für den Aufbau ihrer Installationen. In ihnen kamen Vitrinen, Paravents, Stellagen vor, die wiederum mit Stoffen, Strickschals verbunden waren; ergänzt wurden sie durch großformatige Zeichnungen, Ölgemälde, skulpturales Mobiliar. Das alles verwob sich dann zum Ensemble.

Das Motiv der bizarren Zusammenstellung scheinbar nicht zusammengehörender Gegenstände – eigentlich auch keine Erfindung der Hohenbüchlers, sondern ein Erbe der Surrealisten – hat sich bis heute im Kunstbetrieb gehalten; auf der Berlin-Biennale kommt es gleich mehrfach vor. Was aber noch mehr zählt: Die Hohenbüchlers selbst sind auch noch da und machen weiterhin ihre Kunst! Ihre Ausstellung in der Galerie Barbara Weiss lässt den Glauben an eine Nachhaltigkeit der Neunziger wahren, die Hoffnung auf die Durchsetzungskraft einer Kunst jenseits des Hype nicht verlieren.

Auch wenn das Gespann deutlich mit der Zeit gegangen ist – zu sehen sind sehr schöne, großformatige, dekorative Zeichnungen, stimmungsvolle Fotografien, ein romantisch angehauchtes Video –, so sind sich die Schwestern doch treu geblieben: Weltverbesserung schwingt noch immer mit. Diesmal haben sie sich auf die Ökologie verlegt, das Verschwinden ganzer Pflanzensorten. Als Vorlage dienten ihnen die Blumenaquarelle des Wiener Malers Moritz Michael Daffinger (1790 bis 1849), der die heimische Fauna akribisch im Vormärz porträtierte und damit nicht nur einen einmaligen Pflanzenatlas, sondern auch eine Ahnung einstiger Vielfalt hinterließ.

Christine und Irene Hohenbüchler kritisieren die Zerstörung der Natur nicht offensichtlich. Stattdessen zeigen sie ausgewählte Fotografien ihrer oberösterreichischen Heimat, genau von dort, wo auch Daffinger vor über 150 Jahren seine berühmten Blumenporträts schuf (3200 bzw. 6000 Euro, 5er Aufl.). Die Aufnahmen zeigen eine brutal auf Linie gebrachte Natur: Weinberge, einen Baggersee, reine Nadelgehölze. Und doch gibt es mal am Ufersaum, mal am Waldesrand einen Widerstand gegen die Macht des Menschen, das unbegradigte Wachstum drängt sich wieder vor.

Wie früher sind die Zwillingsschwestern an Systemen, Strukturen interessiert. So unterlegen sie ihre sehr freien gezeichneten Paraphrasen der Daffinger-Aquarelle mit feinen Gitternetzen, blasenartigen Figuren (20 000 Euro). Diese sind von Ernst Haeckels Skelettzeichnungen von Einzellern, so genannten Radiolarien übernommen, auf die der Biologe Ende des 19. Jahrhunderts bei seinen Forschungen mit Hilfe des Mikroskops gestoßen war.

Der innere Zusammenhalt des großen Ganzen ist auch für Christine und Irene Hohenbüchler ein wichtiges Motiv. Deshalb tauchen in allen ihren Installationen übergeordnete Strukturen, architektonische Systeme auf. Der kristalline Aufbau aus den Haeckelschen Mikro-Analysen findet sich so bei den drei Metallpavillons wieder, die ebenfalls zur Präsentation gehören (15 000 Euro). Als Reminiszenz an alte Zeiten, als die Hohenbüchlers in ihren Ausstellungen noch selber webten und der Besucher zum Weiterstricken an Endlosschals aufgefordert war, befinden sich da und dort zwischen den Sprossen eingespannte Häkelflicken. Auch hier erobert sich die Natur, in Form weiblich konnotierter Handarbeit, Terrain zurück, indem sie die architektonische Strenge der Eisengestelle unterminiert.

Ganz offensichtlich geht es den Hohenbüchlers zunehmend um die Vereinbarkeit der Gegensätze Natur-Kultur, Struktur-frei flottierende Kräfte. Ihre Synthese haben sie in einem Video (3000 Euro, 10er Aufl.) gefunden, der zweiwöchigen Beobachtung einer Baugrube inmitten der Wiener Innenstadt im Schnelldurchlauf. Menschen laufen auf und ab, Autos fahren vorüber. Doch am schönsten ist die Beobachtung der auf- und untergehenden Sonne im spiegelnden Gitternetz einer Hochhausfassade. Ein Schelm, der fragt: Wer ist denn hier der Hauptdarsteller?

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88-89, bis 27. Mai; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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