Kultur : Feinsinn und Sinnlichkeit

Marain-Marais-Festival im Berliner Konzerthaus

Carsten Niemann

Eine ganze lange Nacht zum 350. Geburtstag von Marain Marais? Ein gewagtes Unterfangen der „Zeitfenster“-Festivals – und ein gelungener Coup. Mit seinen bis zur mitternächtlichen Podiumsdiskussion satt gefüllten Sälen entlarvten die Veranstalter der Biennale für Alte Musik den Boom der Mozartfeiern fast als Fantasielosigkeit. Der Hunger auf Marais dagegen war so unerwartet wie echt: Dank eines geschickt disponierten Überangebots an namhaften Virtuosen rannte man zwischen den 20- bis 40-minütigen Konzertabschnitten von Saal zu Saal des Konzerthauses, um möglichst wenig zu verpassen von den kammermusikalischen Preziosen des legendären Gambenmeisters, der auch durch den Film „Die siebente Saite“ (1992) populär wurde. Es waren jedoch nicht nur der Filmruhm und die Namen Jordi Savall, Hille Perl und Reinhard Goebel, die dem Fest für Marais und seine Kollegen am Hof Ludwigs XIV. Dynamik verliehen. Nicht einmal als eingängig könnte man die meisten der dargebotenen Stücke bezeichnen, zumal es, von einigen Chaconnen-Riffs und angejazzten Tanzrhythmen einmal abgesehen, in der Kammermusik Marais, Charpentiers oder Couperins wenig gibt, was dem Trend zur Verpoppung der Alten Musik in die Hände spielt. Nein, die Verehrung der Musiker für Marais und seine Zeitgenossen war ebenso ehrlich wie ihre Freude, sich einmal ausgiebig dieser feinsinnigen und fein sinnlichen Musik hingeben zu dürfen. Marais’ Instrument, die Gambe, stand symbolhaft für die leise Stärke dieser Facette von Barockmusik: Das Melancholische gehört zum Wesen ihres Klangs und ist nicht bloß rückwärts gewandte Nostalgie, ihr Repertoire ist unverbraucht genug, um noch wirklich überraschend neue Interpretationen zu ermöglichen.

Zu einem ersten Höhepunkt wurde eine Sonate von Marais’ Zeitgenossen Charpentier, gespielt von Goebels Musica Antiqua Köln, die Gambe, Traversflöten, Cello und Violinen in eine Vielzahl von abwechslungsreichen Dialogen verstrickt und bei der die pausierenden Mitspieler ebenso aufmerksam zuhören wie das Publikum. Im Musikclub durfte man den körperreichen Klang von Skip Sempés franzöischem, mit bukolischen Szenen bemalten Cembalo und einen körperreichen Wein zu einem Gesamtkunstwerk verfließen lassen. Einen edlen Wettstreit um die Nachfolge des Virtuosen Marais lieferten sich Hille Perl und Jordi Savall, wobei der Letztere an diesem Abend wohl den Lorbeer errang. Während es Perl und ihrem Duopartner Lee Santana in der ersten von ihren drei Zwanzig-Minuten-Sessions im Werner-Otto-Saal noch nicht gelang, jenen psychedelischen Sog herzustellen, den ihr Marais-Album auszeichnet, punktete Savall gegen elf mit ausstrahlungsreichen, tragenden und zarten Tönen, die selbst den Großen Saal bis in den letzten Winkel füllten.

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