Kultur : Feldforschung in Frankfurt

Die Aussichten sind schlecht, die Stimmung ist gut – ein Rundgang über die 58. Buchmesse

Gerrit Bartels

Christian Kracht sieht müde und angeschlagen aus, als er am Buchmessendonnerstag aus seiner Erzählsammlung „New Wave“ vorliest; zwar noch leiser und düsterer, als man das von ihm gewohnt ist, aber auch weniger prononciert. Wer am Abend zuvor bei der Buchmessenparty des Rowohlt Verlages in der Schirn war, weiß, warum Kracht einen etwas derangierten Eindruck macht: Dort hatte er sich ganz gut daneben benommen. Eine laute Pöbelei hier, ein, zwei Gläschenwürfe dort, schon war Kracht zu der zweifelhaften Ehre gekommen, sanft, aber bestimmt von der Rowohlt-Party hinauskomplimentiert zu werden.

Dieser kleine Zwischenfall macht im sehnsüchtig auf solche Geschichtchen lauernden Literaturbetrieb schnell die Runde – ein Hinweis darauf, dass diese 58. Frankfurter Buchmesse eine an spektakulären Ereignissen und Auftritten eher arme ist, dass diese Buchmessentage von Geschäften, Büchern und Diskussionen bestimmt werden, nicht von Personality-Shows und Partys. Mit dem allgegenwärtigen Indien bleibt ein Gastland möglicherweise deshalb nachhaltig im kollektiven Literaturgedächnis, weil es der wie üblich kakophonischen, weitläufig-unübersichtlichen Buchmesse seine eigene Kakophonie und komplexe Vielfalt entgegenzusetzen vermag.

Inhalt statt Glamour, mal abgesehen von den farbenfrohen Seidengewändern der indischen Damen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte zwar ganz auf Personen gesetzt, als er vorab große Anzeigen mit den bei der Buchmesse auftretenden Promis und Halbpromis schaltete, um die Messe zu bewerben: Namen wie Jo Brauner, Eva Hermann, Jan Josef Liefers und Jörg Pilawa standen dort einträchtig neben denen von Vikram Chandra oder Martin Walser. Doch prägender ist die Freude darüber, dass die Messe selbst wieder einmal größer als zuvor ist, mit über siebentausend Ausstellern aus 113 Ländern, und dass auch der Buchmarkt im vergangenen Jahr um zwei Prozent gewachsen ist. Gleichzeitig wird die Frankfurter Schau geprägt von den großen Umwälzungen, die das Verlagswesen und der Buchhandel schon erfahren haben und noch bevorstehen.

„Die bisherigen Veränderungen sind marginal zu dem, was auf uns zukommt“, orakelte der Ex-Messechef Volker Naumann auf einer Diskussionsrunde mit dem Titel „Verlage übermorgen“ und sprach dann vom Verschwinden des klassischen Buchhandels und der großen Konkurrenz durch das Internet. Die Buchmesse aber bleibt als Großevent weiterhin eine gewissermaßen analoge Veranstaltung – mit Büchern, die an den Ständen der Verlage ausliegen und zum Anfassen und Drinherumblättern sind; mit Verlegern und Verlegerinnen und natürlich auch mit Autoren und Autorinnen, die lesen, die wie die Deutsche-Buchpreis-Gewinnerin Katharina Hacker von Fernsehteams in Beschlag genommen werden, die gern zu Gesprächen bereit sind, und das nicht immer nur über ihre Bücher. Bernd Schröder freut sich nicht nur über den guten Verkauf seines Dokufiktion-Buches „Hau“ über den mutmaßlichen Mörder Karl Hau, der 1906 seine Schwiegermutter hinterrücks erschossen haben soll. Schröder erzählt nebenbei auch, dass er als Kölner und Teilzeitberliner in Prenzlauer Berg, wo er eine Wohnung hat, gern mal verkannt wird, mutmaßlich seiner langen schwarzgrauen Haare, seines Bartes und seines langen schwarzen Mantels wegen: „Jetzt kommen auch noch die ganzen Kreuzberger nach Prenzlauer Berg.“

Thomas Meinecke gesteht am Suhrkamp-Stand, sich ein bisschen Sorgen zu machen hinsichtlich der Resonanz auf seinen neuen Erzählband „Feldforschung“. Da seien in den großen Feuilletons bisher kaum Besprechungen erschienen, und das, so Meinecke lachend, wo er doch mit dem Buch schon eine Auflage von 35 000 habe und quasi Bestsellerautor sei. „Feldforschung“ ist eine Auftragsarbeit für die Kölner Ausstellung „Das achte Feld“ und wird jedem Ausstellungsbesucher mit der Eintrittskarte überreicht.

Helge Malchow, Verlagsleiter von Kiepenheuer &Witsch, sagt, angesprochen auf die sich entspannende Situation auf dem Buchmarkt und leicht steigenden Umsätze, dass sich die Schere weiter öffne und die gezielte Mischkalkulation mehr und mehr Gebot der Stunde sei. Titel wie die einer Senta Berger und eines Manuel Andrack gingen tatsächlich noch besser als vergleichbare Titel früher, bei den literarischen Titeln aber seien die Zahlen leicht rückläufig.

Für das Buch der diesjährigen Messe, das Buch, das in Gesprächen immer wieder genannt wird und hinter dem die gesamte deutsche Verlagsbranche her war, auf den französischen 900-Seiten-Bestseller „Les bienveillantes“ von Jonathan Littell, in dem ein schwuler SS-Mann ungebrochen und überzeugt aus seinem Leben erzählt, für dieses Buch hat Malchow gar nicht erst mitgeboten: zu riskant, nicht nur ökonomisch, sondern auch weil er eine zweite Thor-Kunkel-Debatte fürchtet. Littells Buch, das erfährt man hinter vorgehaltener Hand ausgerechnet am Rande eines Empfangs des Club Bertelsmann im 25. Stockwerk des Japan-Towers, soll den Berlin Verlag gute 400 000 Euro gekostet haben. Damit habe der Berlin Verlag noch deutlich unter den von einem anderen deutschen Verlag gebotenen 500 000 Euro gelegen.

Das sind Zahlen, die jenseits des Vorstellungsvermögens eines unabhängigen Kleinverlegers wie Jörg Sundermeier liegen, der mit seinem Verbrecher Verlag hinten in der Halle 4.1 einen zwei Quadratmeter kleinen Stand hat. In Sundermeiers Programm gibt es ein Buch der diesjährigen Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, doch wollte er dieses nicht bewerben mit einem Extrasticker „Ingeborg-Bachmann-Preis 2006“ auf dem Cover, nicht mal schön ironisch als Zitat, als popistische Affirmation des Gebarens der großen Verlage.

Am Stand der „Zeit“ musste Günter Grass gestern eine Gewissensfrage beantworten. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wollte von dem Literaturnobelpreisträger wissen, ob er die Seiten 126 f. seiner „Zwiebel“-Autobiografie (die Sache mit der Waffen-SS) nach den jüngsten Ereignissen wieder so aufschreiben würde. Grass antwortete ausweichend: „Was ich nicht noch mal tun würde, ist, mich mit der FAZ einzulassen.“ Er schimpfte auf deren Herausgeber Frank Schirrmacher, nannte die Veröffentlichung seiner Briefe an den früheren Wirtschaftsminister Karl Schiller eine „Verhunzung der Sitten“ und sagte der „Übermacht der Presse“ den Kampf an.

Auch Grass war vor Jahren mal in Indien. Sein Buch über diese Reise heißt: „Zunge zeigen“.

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