Kultur : Feldherren in der Bierhalle

Theater, deine Sterne: Peter Stein und Klaus Maria Brandauer stemmen in Berlin „Wallenstein“

Andreas Schäfer

Auch bei Mammutprojekten zählen einzig die Details: der Stimmlauf, die Betonung, vor allem aber der Abstand des Mordanstifters zur Außenwand. Und der scheint irgendwie nicht zu stimmen. „Nur ein paar Kleinigkeiten“, ruft Peter Stein, eilt von seinem Regieausguck die riesige Zuschauertribüne hinunter und führt Jürgen Holtz, also Buttler, den Mordanstifter, den korrekten Abstand zur Wand vor. Alles muss man selbst machen, sagt Steins schneller Schritt, Jürgen Holtz schreitet nebenher, Schiller-Verse murmelnd: „Und schnell mit einem Dolchstoß in die Kehle.“ Wallensteins Tod, fünfter Akt, zweiter Aufzug.

Auf der Besprechung erklärt Stein im Stuhlkreis, worum es auch in dieser Szene geht. „Eigentlich ist eure Szene überflüssig und redundant. Ist aber trotzdem schön, weil man ein Crescendo aufbauen kann.“ Ihm gegenüber Klaus Maria Brandauer, also Wallenstein, die Arme verschränkt, vage über Stein hinwegschauend. Hinter ihm die leere Bühne der ehemaligen Kindl-Halle in der Werbellinstraße in Berlin-Neukölln, die für das Projekt umgebaut wurde, nur mit wenigen verschiebbaren Wänden auskommt und also sehr viel Raum für Crescendi bietet.

Peter Stein inszeniert alle drei Teile von „Wallenstein“, „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomini“, „Wallensteins Tod“, Premiere am 19. Mai, geschätzte Dauer zehn Stunden. Die Inszenierung hat er schon zwölf Jahre im Kopf, seit damals, als er für einige Jahre die Theatersektion der Salzburger Festspiele leitete und ein Stück für die Felsenreitschule suchte. Doch dann war Peter Stein nicht mehr Leiter bei den Salzburger Festspielen, und keiner wollte den gesamten „Wallenstein“ machen. Stattdessen inszenierte Stein den gesamten „Faust“, „ein langes Ding von zweiundzwanzig Stunden“, der während der Expo 2000 in Hannover und später in Berlin und Wien zu sehen war. Eine neunstündige „Orestie“ hat er auch schon inszeniert, sogar mehrfach. „Ich weiß eben, wie man solche Projekte organisiert, wie man das zusätzliche Geld besorgt. Aus diesem Grund habe ich das vorgeschlagen. Klingt nicht sehr spirituell“, sagt er später.

Jetzt proben sie auf Einladung des Berliner-Ensemble-Chefs Claus Peymann schon seit zwei Monaten in dieser Halle, in der bis vor kurzem noch Bier gebraut wurde, und sind schon fast beim Tod des Feldherrn aus dem Dreißigjährigen Krieg angelangt. Stein gibt die letzten Betonungsanweisungen, dann verstreuen sich die Schauspieler für heute in alle Winde, einige müde ein Theaterschwert hinter sich herziehend.

Und jetzt beginnt eine ganz andere Vorstellung, die da heißt: Peter Stein und Klaus Maria Brandauer geben ein Interview, gemeinsam. Warten auf die Feldherren. Dann in der winzigen Garderobe in provisorischen Containern: Klaus Maria Brandauer, in wenigen Wochen 64 Jahre alt und seit der Verfilmung des Klaus-Mann-Romans „Mephisto“ weltberühmt, kippelt auf einem Stuhl vorm offenen Fenster und sagt, was er sagt, mit großer Begeisterung. Peter Stein, 69, und in den siebziger Jahren Leiter der legendären Berliner Schaubühne, liegt auf einem grauen Sofa und schaut meist auf den Boden, während er spricht. Beide arbeiten zum ersten Mal zusammen.

Herr Stein, in wenigen Tagen ist Premiere. Gab es einen Lagerkoller?

STEIN: Im Gegenteil, ich wundere mich selbst, dass ich in der Lage bin, zwischen acht und zehn Stunden jeden Tag ohne Pausen runterzubrettern. Es liegt wohl an den Kollegen, die Arbeit mit ihnen motiviert mich. Ein Großteil geht natürlich an Klaus Maria, mit dem zu arbeiten es mir einen großen und auch überraschend viel Spaß macht.

Herr Brandauer, Sie haben in letzter Zeit meist selbst Regie geführt, in Berlin zuletzt bei Brechts „Dreigroschenoper“. Fiel es Ihnen schwer, sich einem Regisseur anzuvertrauen?

STEIN: Ich vertraue mich ihm an. So ist das.

BRANDAUER: Im Gegenteil. Es ist wahnsinnig schön. Bei der „Dreigroschenoper“ musste ich mich um alles kümmern, ich war dafür verantwortlich, dass alles gut läuft, dass die Schwierigkeiten des Admiralspalastes ... Das war eine echte Katastrophe. Wir wollen nicht mehr darüber reden. Jetzt kann ich der Wallenstein sein. Ich fühle mich irrsinnig gut aufgehoben, liebend überschätzt; habe ich gestern jemandem gesagt. Peter Stein ist der, mit dem ich arbeiten wollte. Was treibt Wallenstein eigentlich an?

STEIN: Das ist relativ kompliziert zu sagen, weil es viele Faktoren gibt. Das ist ja das Entsetzliche, wenn Regisseure, vor allem junge, sehr schnell nach einer einzigen Triebkraft einer Figur suchen und auf der dann herumreiten. Der Vorteil ist natürlich, dass man es auf sich selbst und seine Vorhaut herunterziehen kann. Der Wallenstein wird von vielen Kräften angetrieben, unter anderem geht es darum, die Macht zu genießen. Was heißt aber Macht? Die Möglichkeit etwas zu tun!

Dabei spielt die Astrologie eine entscheidende Rolle.

BRANDAUER: Die Astrologie ist dazu da, damit Wallenstein daran glaubt und sich danach richtet. Eine Art Ersatzreligion. Nur zum Schluss braucht er die Sterne nicht mehr – weil er auf den Tod wartet.

STEIN: Wie heißt das noch?

BRANDAUER: „... die trüglich wandelnden Planeten“.

STEIN: Natürlich ist die Astrologie selber eine äußerst moderne Angelegenheit. Der Witz ist der, dass gesagt wird: Die Sterne bestimmen unser Schicksal. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite müssen wir rauskriegen, was sie wollen. Dann können wir uns darauf einstellen und der Tatsache, dass die Sterne unser Schicksal bestimmen, entgehen. Astrologie ist paradox. Komischerweise habe ich das erst während der Arbeit entdeckt – dass es Wallenstein die Möglichkeit gibt, ins quasi Religiöse auszuweichen. Was er sonst nicht tut. Er benutzt ganz selten Metaphern oder schillernde Beiworte, die einem bei Schiller ja so grausen. Nur in ganz bestimmten, hochemotionalen Momenten.

Gehen Sie mit der Astrologie ironisch um?

STEIN: Ironie ist mir völlig fremd. Ich kann das überhaupt nicht. Ich mache dumme Witze. Wie alle Spätpubertären. Aber Ironie einem Autor gegenüber ist mir ganz fremd.

Sie arbeiten meistens im Ausland und mit Schauspielern aus vielen Ländern. Zeichnen sich deutsche Schauspieler eigentlich durch etwas Bestimmtes aus?

STEIN: Da gibt es große Unterschiede, die man allerdings nur mit brutalen Vereinfachungen beschreiben kann. Zum Beispiel sage ich immer, auch um deutsche Schauspieler zu ärgern, man sollte von einem deutschen Schauspieler nicht verlangen, dass er auf der Bühne das Jackett auszieht. Das kann bei deutschen Schauspielern zur Katastrophe führen. Zu Laokoon-artigen Verrenkungen. Da bleibt was hängen und klappt nicht, und alles ist problematisch. Kann aber sehr ausdrucksstark sein, so ein Kampf mit einem Jackett. Während ein Italiener ein Jackett eben ganz exakt auf den entsprechenden Satz getimt und dann auch noch richtig zusammengefaltet – paff – über die Lehne werfen kann. Die Italiener haben ein sehr starkes Verhältnis zum Textil.

Herr Brandauer, Sie unterrichten am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, und auch Herr Stein arbeitet gern mit jungen Schauspielern. Sehen die Jungen das Theater so wie Sie damals?

BRANDAUER: Aus dem Beruf, wie ich ihn verstanden habe, ist etwas ganz anderes geworden. Das ist ja alles eingemeindet. Vom Nachrichtensprecher bis zum Model. Jeder ist Schauspieler.

STEIN: Selbst die Gesichtsvermieter der Vorabendserien.

BRANDAUER: Ich unterrichte mit großer Freude am Reinhardt-Seminar, weil ich auch versuche, mit den jungen Leuten selbst jung zu bleiben. Aber die meisten haben keine Ahnung. Wenn ich sie frage, kennen Sie ein Gedicht, antworten sie: Ein Gedicht? Kann ich Ihnen was singen? Und dann singen sie Hänschen klein. Sie wissen gar nichts, weil sie in der Schule zu nichts mehr angehalten werden.

STEIN: Ich habe es gern, wenn ich in einem Ensemble arbeiten kann, in dem alle Alterstufen vertreten sind: sehr alte Hasen, weniger alte Hasen und ganz junge Anfänger. Das ist auch ästhetisch sehr angenehm. Jüngere Leute sehen einfach besser aus als Alte. (Brandauer stampft wütend auf.) Das bedeutet nicht, dass junge Leute interessanter sind – davon kann keine Rede sein. Aber sie sind einfach schöner. Sie sind erotisch zugänglicher als ältere Herrschaften. Ältere Herrschaften sind dafür interessanter.

Es gibt auch die Erotik der Weisheit.

STEIN: Weiß ich nicht. Das ist nicht unbedingt mein Sex.

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