Kultur : Felix Australia

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Zuletzt war nur noch die Frage, ob Ian McEwan oder Peter Carey den Booker Prize erhalten würde. Gegen McEwan sprach, dass er für seinen Roman "Amsterdam" erst vor drei Jahren die wichtigste literarische Auszeichnung des Commonwealth bekommen hatte. Gegen Carey, der sich nach seinem alten Booker-Triumph "Oscar and Lucinda" wenigstens eine Schamfrist von 13 Jahren zugutehalten konnte, sprach, dass die Kritik McEwans "Atonement" viel höher bewertet hatte als Careys "True History of the Kelly Gang". Die Preisarithmetik folgt, wenn man der schottischen Autorin und einstigen Jurorin A. L. Kennedy glaubt, aber wohl noch komplexeren Gesetzen. Der Gewinner, sagte sie, lasse sich am genauesten ermitteln, wenn man berücksichtigt, "wer wen kennt, wer mit wem ins Bett geht, wer wem Drogen verkauft, wer mit wem verheiratet ist und wer an der Reihe ist." Das sind alles knallhart literarische Kriterien, und in Deutschland natürlich ganz anders. In London jedenfalls, bei einem Abendessen in der Guildhall, wurde am Mittwoch der in New York lebende Australier Peter Carey nach einstimmiger Jury-Entscheidung zum Sieger ausgerufen. Neben dem Südafrikaner J. M. Coetzee ist er nun der einzige Autor, der den mit 21 000 englischen Pfund dotierten Booker Prize zum zweiten Mal erhalten hat.

Carey, Jahrgang 1943, erzählt in der "True History of the Kelly Gang" aus der Ich-Perspektive des Titelbanditen die Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelte Geschichte des australischen Viehdiebs und Bankräubers Ned Kelly, der mit 25 Jahren gehängt wurde und eine Art Nationalheld wurde. Es ist der Versuch, amerikanischen Gründungsmythen (und Gestalten wie Thomas Jefferson oder Benjamin Disraeli) einen australischen Ursprungsmythos entgegenzusetzen: ein Projekt, das er abgewandelt auch in anderen Romanen verfolgt, die alle von seiner zwischen Faulkner und Márquez vagabundierenden Erzähllust leben.

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