Felix Fabri von Ulm : Reise nach Jerusalem

Stätten von Jesus’ Wirken zu besuchen, war für Gläubige im Mittelalter ein Traum. 1483 zog Felix Fabri von Ulm aus los. Die Geschichte eines frommen Touristen.

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Pilger reisten, wie in dieser Buchmalerei von 1412 zu sehen, zu Fuß, um ihre Demut zu zeigen, aber auch mit Schiffen oder Reittieren.
Pilger reisten, wie in dieser Buchmalerei von 1412 zu sehen, zu Fuß, um ihre Demut zu zeigen, aber auch mit Schiffen oder...Foto: AKG

Der Morgen des 14. April 1483 war für Felix Fabri kein Tag wie jeder andere, obwohl er wie jeder andere begann. Der Ulmer Dominikanermönch stand vor dem Morgengrauen auf und feierte mit seinen Brüdern die Messe. Danach gab es Frühstück. Anders als sonst kamen die Mönche gleich im Anschluss noch einmal in der Kirche ihres Klosters zusammen. Felix Fabri, ein Mann Mitte 40, kniete vor dem Altar nieder und empfing den Reisesegen. Einige seiner Brüder konnten die Tränen nicht zurück halten. Denn Felix Fabri brach zu einer Reise ins Heilige Land auf, und niemand wusste, ob er zurückkommen würde.

Die Wallfahrt zu den biblischen Stätten in den Gebieten des heutigen Israel und Palästina war für die mittelalterlichen Menschen hohe religiöse Auszeichnung ebenso wie abenteuerliche Versuchung. Die spätmittelalterliche Frömmigkeit war auf das Konkrete ausgerichtet, und das Heilige Land bot viele Möglichkeiten, zu berühren, was Christus der Vorstellung nach berührt hatte, seinem Lebensweg von der Krippe in Bethlehem bis zur Grabeskirche in Jerusalem auf eigenen Füßen nachzugehen. Umfassender Sündenablass lockte. Aus „niederen und vergänglichen Beweggründen“, also aus schierer Reiselust aufzubrechen, galt hingegen als verwerflich, wie auch Felix Fabri in seiner ausführlichen Reisebeschreibung betont. Und doch wird gerade in diesem Bericht deutlich, dass es auch im Mittelalter noch andere Gründe gab, die beschwerliche Fahrt auf sich zu nehmen.

Fabri war einige Jahre zuvor schon einmal im Heiligen Land gewesen. Den Wunsch, zurückzukehren, beschreibt er als „brennende Sehnsucht“. Der Mönch hatte Fernweh.

Fernweh ist ein junger Begriff. Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm aus dem 19. Jahrhundert kennt ihn noch nicht. Und doch wird das Fernweh um 1500 gewissermaßen geboren. Über Jahrhunderte hinweg erlauben die Quellen keine Einsicht in das Gefühlsleben der Menschen. Mit dem Alphabetisierungsschub des 15. Jahrhunderts aber tauchen neue Quellentypen auf, tagebuchartige Reiseberichte etwa, unter denen der des Felix Fabri zu den bekanntesten und lebendigsten zählt. Und da ist sie: Die Sehnsucht nach der Fremde.

Felix Fabri gehörte zu der kleinen, privilegierten Gruppe derer, die dieser Sehnsucht nachgeben konnten: Adelige, Geistliche und reiche Bürger. Die Fahrt hatte immer einen Zweck: Blaulütige Damen fuhren in Bäder zur Kur. Händler reisten, um Ware zu kaufen. Am nächsten kam der heutigen Urlaubsreise die Pilgerfahrt, bei der sich manchmal das religiöse mit dem touristischen Interesse mischte. Die Menschen pilgerten in die Nähe: nach Aachen, Trier oder Köln, nach Rom, Santiago, Canterbury oder zum Mont Saint Michel. Als höchste aller Pilgerfahrten aber galt die Reise nach Jerusalem.

Historiker schätzen, dass im 14. und 15. Jahrhundert zwischen 120 und 600 Passagiere jährlich von Venedig in die Hafenstadt Jaffa fuhren, die heute ein Teil von Tel Aviv ist. Die Wallfahrt ins Heilige Land wurde nie zum Massentourismus. Aber in einer bestimmten Schicht gehörte sie zum guten Ton, zu den „places to see before you die“.

Im späten Mittelalter wird das Fernweh in der Literatur neu geboren

In Innsbruck traf Felix Fabri eine Gruppe junger schwäbischer Adeliger unter der Leitung des Truchsesses Johannes von Walburg, die sich in Jerusalem zu Rittern schlagen lassen wollten und Fabri als geistlichen Beistand angeheuert hatten. Die Gruppe reiste komfortabel: Jeder hatte sein eigenes Pferd, ein Waffenträger schleppte Gepäck und Rüstung, ein Koch kümmerte sich um die Verpflegung, und ein Bartscherer unterhielt die Aristokraten mit der Laute. Der Weg nach Trient über die Alpen verlief ohne Zwischenfälle. Das war nicht selbstverständlich.

Oft gerieten Reisende in den Alpen in schlechtes Wetter, wie es etwa der Klever Geistliche Arnold Heymerick 1460 beschreibt. Beim Aufstieg auf den St. Bernhard überraschte die Reisenden ein tosender Schneesturm. Bald starrten Kleider und Bärte vor Eis. „Schließlich sind wir alle so verzweifelt, dass wir schon daran denken, unsere Pferde zu töten, sie auszuweiden und im Inneren der Kadaver zu warten, bis uns Gott der Höchste wieder auf die Beine brächte.“

Das Reisen im Mittelalter war bestimmt vom Wetter. Die meisten Verkehrsadern waren nicht mehr als vier bis fünf Meter breit und nicht alle waren gepflastert, so dass man bei Regen durch tiefen Schlamm watete. Bequemer und schneller ging es auf Wasserwegen vorwärts. Flussaufwärts segelten man, flussabwärts wurde gerudert oder getreidelt, das heißt Menschen oder Tiere gingen auf Pfaden entlang der Flüsse und zogen die Schiffe an Leinen.

Am 24. April 1483 erreichten Fabri und seine Reisegefährten einen Gasthof in der Nähe der Ortschaft Ospedaletto in Italien. Entlang viel befahrener Routen gab es zahlreiche kommerzielle Unterkünfte, Wallfahrer konnten auch in städtischen Pilgerunterkünften oder Klöstern übernachten. Der Komfort der Gasthäuser fiel sehr unterschiedlich aus. Meist schlief man zu mehreren in einem Zimmer, manchmal gab es Latrinen, manchmal nicht. Badestuben waren selten und das Bettzeug – wenn vorhanden – wurde nur hin und wieder einmal gewechselt. Ungewöhnlich war es auch nicht, dass die Gäste ihr Essen selbst zubereiteten.

In Ospedaletto kochten die Wirtsleute, während Fabri und die jungen Adeligen im Hof warteten. „Wenn man oben auf diesem Berg wäre“, sagte Fabri und wies auf eine Erhebung, „so müsste man schon das Meer sehen.“ Übermütig bestiegen der Mönch und die jungen Männer den Hügel. Von oben sahen die jungen Schwaben zum ersten Mal in ihrem Leben die See. Fabri schreibt: „Das Meer schien uns ganz nahe zu sein, die sinkende Sonne ließ es zu uns her erglänzen, während weiter draußen, wo man keine Grenze mehr sehen konnte, dichter und dunkler Nebel aufstieg und der Himmel sich schwärzlich verfärbte.“

So viel Ehrfurcht vor dem bisschen Mittelmeer. In den 80er und 90er Jahren des 15. Jahrhunderts umschifften Entdecker wie Bartolomeu Diaz, Kolumbus und Vasco da Gama bereits den halben Erdball. Doch bis diese Expeditionen das Weltbild der Menschen veränderten, dauerte es noch eine Weile. Das Wissen um die Ausdehnung und Umrisse der Kontinente blieb vage. Als Mittelpunkt der Erde dachte man sich Jerusalem. Seit dem Übergang vom 11. zum 12. Jahrhundert wird die Stadt auf Weltkarten als Zentrum dargestellt. Übertragen auf die moderne Topographie aber war das Heilige Land der östliche Rand derjenigen Welt, von der man in Europa eine konkrete Vorstellung hatte. Indien war kartographisch nicht erfasst, sagenumwoben, bevölkert von Einhörnern, Zwergen und Zyklopen. Einer der ersten Europäer, die Indien tatsächlich besuchten, war Marco Polo, gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Der Landweg nach Indien blieb jedoch das Geheimwissen weniger italienischer Großhändler, die fernöstliche Waren in Europa als Luxusartikel verkauften. Ähnliches galt für Zentral- und Ostasien. In der Vorstellung von Fabris Zeitgenossen bewegte man sich im Heiligen Land an den Grenzen des Bekannten. Und das Mittelmeer war der Weg dorthin.

Am 27. April 1483, zwei Wochen nach der Abreise, erreichten Fabri und seine Reisegenossen Venedig. Die Männer stiegen im Gasthof „Zum heiligen Georg“ ab. Der Wirt sprach Deutsch, was Fabri sehr beruhigte, „denn es ist höchst mühsam, mit Menschen zusammen zu sein, mit denen man sich nicht sprachlich verständigen kann.“ Die wenigsten Pilger beherrschten eine Fremdsprache. Behelfen konnte sich, wer wollte, mit den ersten Sprachlehrbüchern, die in dieser Zeit entstanden. Ein in Venedig lehrender Nürnberger namens Georg etwa stellte 1424 ein Werk mit deutsch-italienischen Phrasen zusammen. Hier konnte der Reisende nachschlagen was „Füll die Gläser!“ hieß oder „Trag ein Brot auf!“

Fabri und seine Reisegefährten besichtigten in den Folgetagen verschiedene Schiffe. Sie ließen sich von den Eignern mit kretischem Wein und Konfekt umwerben und entschieden sich schließlich für einen Dreiruderer. Da die Galeere erst vier Wochen später ablegte, blieb Zeit die Stadt zu besichtigen, die schon im 15. Jahrhundert als besonders prächtig galt. Felix Fabri verbot allerdings seinen jungen Adeligen den Besuch jeglicher Tanzveranstaltungen, schließlich war man auf Wallfahrt. Stattdessen besichtigten sie – laut Fabri angeblich willig – täglich einen anderen Reliquienschrein.

Endlich, am 1. Juni, wurden die Segel gehisst. „Kraftvoll durchfurchte das Schiff das Meer“, schreibt Fabri. Insgesamt allerdings fand er die Seereise strapaziös. Die Galeeren aus Holz segelten bei Wind und wurden bei Flaute von Ruderern angetrieben, die bei jedem Wetter auf Deck ihrer harten Arbeit nachgingen. Zumeist waren sie im späten Mittelalter freie Männer, die gegen Lohn schufteten. Erst in der Frühen Neuzeit wurde die Arbeit auf der Ruderbank zur Strafe.

Unter Deck lagen der Stall für das mitgeführte Schlachtvieh und der gemeinschaftliche Schlafraum der Pilger. Dort mischte sich der Geruch des Teers, mit dem die Schiffswände gestrichen waren, mit den Ausdünstungen der ungewaschenen Menschen und ihrer Bettpfannen. Wanzen, Flöhe und Würmer reisten mit. „Mönche, die gewohnt sind, allein in ihrer Zelle zu schlafen, können auf dem Schiff schwer neben schnarchenden Nachbarn Ruhe finden“, klagt Fabri. Übelkeit und Verdauungsbeschwerden plagten die Reisenden. Davon zeugen auch die überlieferten Ratschläge für Reiseapotheken. Der italienische Arzt Galeazzo di Santa Sofia etwa riet Anfang des 14. Jahrhunderts zu allerlei Salben, Dragées und Pülverchen, die vor allem aus Ölen, Gewürzen und Kräuterextrakten bestanden.

Der Tag auf See verlief im Rhythmus der Gebete und Mahlzeiten. Die Pilger hockten um den Hauptmast und plauderten, lausten sich oder spielten Würfel um Geld – zum Missfallen Fabris. Am 1. Juli, einen Monat, nachdem sie von Venedig abgelegt hatten, hörten die Reisenden am frühen Morgen den Ruf aus dem Mastkorb: „Ihr Herren Pilger, erhebt euch und kommt herauf, das Land taucht auf, das ihr zu sehen begehrt.“ Die Passagiere stürzten an Deck und stimmten Gesang an: „Wir loben dich, Gott.“

Deutsche Ritter brachen als Souvenirs Brocken aus Kirchmauern

Jerusalem als höchstes Wallfahrtziel wurde auf Weltkarten oft im Zentrum dargestellt.
Jerusalem als höchstes Wallfahrtziel wurde auf Weltkarten oft im Zentrum dargestellt.Foto: akg-images

In Jaffa wurden Fabri und seine Gefährten von den örtlichen Behörden registriert. Mühsam versucht der Mönch zu erklären, wie man das „x“ in seinem Vornamen ausspricht. Im 15. Jahrhundert standen das heutige Israel und Palästina sowie Teile Ägyptens, Syriens und des Irak unter der Herrschaft der muslimischen Dynastie der Mamluken. 1187 hatte Saladin Jerusalem von den Kreuzfahrern zurückerobert. Doch trotz der Unterschiede im Glauben, tolerierten die Herrscher die christlichen Pilgerreisen, ja, beteiligten sich sogar an deren Organisation. Durchgeplant von örtlichen Behörden, christlichen Orden und den venezianischen Schiffsreedern, die als eine Reiseveranstalter fungierten, bekamen die Wallfahrten im 15. Jahrhundert fast den Charakter von Pauschalreisen, wie der Historiker Folker Reichert schreibt.

Die Begegnungen zwischen Muslimen und Christen liefen meist auf der geschäftlichen Ebene ab, und nicht immer förderte das den gegenseitigen Respekt. Fabri berichtet von der aggressiven Akquise der Eselsverleiher: „Es kann vorkommen, dass zwei oder drei an einem einzigen Pilger zerren.“ Die „Sarazenen“, so Fabri, seien allesamt Räuber und Erpresser. Außerdem hätten „alle Orientalen elende Stimmen und können keine Melodie bilden. Ihr Gesang gleicht dem Geschrei der Ziegen und Kälber.“ Das alles hielt Fabri allerdings nicht davon ab, sich eng mit dem Eseltreiber zu befreunden, der ihn auf beiden Reisen begleitete.

Andere Europäer waren fasziniert von der muslimischen Kultur. Ausgerechnet Georg von Ungarn, ein Gefangener des osmanischen Heers, schreibt 1481 lobend über die Kultur der Türken. Er spricht anerkennend von deren Ehrbarkeit, Bescheidenheit, Hygiene und vom Schächten, auch wenn er sich in theologischen Fragen abgrenzt.

Höhepunkt der Reise von Fabris ReGruppe war der Ritterschlag in der Grabeskirche, in der sie die Nacht verbrachten. Das Verhalten vieler Pilger entsprach allerdings nicht dem Frömmigkeitsideal. „Nach einem eilig erledigten Besuch der heiligen Stätten saßen sie beisammen, fraßen und soffen sich toll und voll, als wäre diese hochheilige Kirche ein Wirtshaus.“ Einige Adelige ritzten ihre Namen und Wappen in die Kirchenwände oder schlugen mit Hammer und Meißel Souvenirs aus dem Stein, besonders die Deutschen.

„Wie viel Hohn und Spott sie damit sowohl von Gläubigen als von Ungläubigen ernten, das habe ich selbst schmerzlich miterlebt, und jedes Mal hat es mir die Schamröte ins Gesicht getrieben“, schreibt Fabri. Vielleicht gaben diese Erlebnisse bei ihm den letzten Ausschlag, sich von seiner Reisegruppe zu trennen. Er schloss sich Wallfahrern an, die zum Berg Sinai weiterzogen, ein weniger frequentiertes Ziel. Immer wieder schliefen die Pilger unter offenem Himmel zwischen Skorpionen auf der Erde. Fabri musste Erpresser bezahlen, verlief sich in der Wüste, ritt auf Kamelen und besuchte den Sklavenmarkt von Kairo. Erst im November schiffte er sich in Alexandria auf einer Galeere nach Venedig ein.

Die letzte Etappe seiner Reise begann am 29. Januar 1484. In strömendem Regen ritt Fabri von Memmingen nach Ulm. Bald war der sonnenverwöhnte Mönch durch und durch nass und schlecht gelaunt. „Nie auf meiner ganzen Reise geriet ich so außer mir wie hier, denn Nässe macht den Menschen von Natur aus trist und völlig unordentlich“, schreibt er. Doch beim Anblick von Ulm hellte sich seine Stimmung auf. Die Stadt erschien ihm in neuem Glanz zu erstrahlen. Sein Prior begrüßt ihn „ohne auf seine Würde und sein hohes Alter zu achten, und rannte wie ein Jüngling, als wolle er ein Feuer löschen.“ Man hatte ihn tot geglaubt, die Briefe aus Jerusalem waren nie angekommen. Einige Tage später rasierte sich Fabri in einem stillen Moment seinen 289 Tage langen Reisebart ab. „Ich gestehe“, schreibt er, „dass ich es mit Widerstreben tat, denn mir schien, ich sei mit ihm kühner, reifer, schöner und respektabler.“

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