Kultur : Felsen mit Jahresringen

Masse und Klasse: Tony Craggs rätselhafte Skulpturen in der Berliner Galerie Buchmann

Ulrich Clewing

Noch vor ein paar Jahren sah es so aus, als sei Tony Cragg ein Bildhauer des spätindustriellen Zeitalters. Die Plastiken, mit denen der 1949 in Liverpool geborene Sohn eines Elektroingenieurs in den frühen Achtzigern international bekannt wurde, waren zu großen Teilen tatsächlich aus Plastik. Was Cragg eben so alles fand, bei seinen Ausflügen zu den Müllhalden der Umgebung: Spülmittelflaschen, Farbeimer, Abfälle aller Art. Später integrierte er Formen in seine Arbeiten, die an mächtige Maschinen untergegangener Industrien erinnerten. Doch auch davon kam er irgendwann ab. Als Cragg 2002 in Berlin den mit 50 000 Euro dotierten Piepenbrock-Preis für Skulptur erhielt, präsentierte er eine Art mutierter Fliegenpilz, ausgestattet mit einem Bündel von Schirmen in den unterschiedlichsten Größen.

Die vier großen Arbeiten von 2006, die die Galerie André Buchmann momentan zeigt, dokumentieren wiederum eine eindrucksvolle Weiterentwicklung des Grundmotivs. Auf den ersten Blick scheint es, als würde sich Cragg immer stärker am Informel der fünfziger Jahre orientieren. Die Volumen, Umrisse, Oberflächen sind so abstrakt wie lange nicht mehr. Schwer zu sagen, ob man sie nun biomorph oder amorph nennen soll. Sie haben etwas Organisches, könnten aber auch tote Materie sein: Felsen oder Flusssteine.

In Wahrheit ist die vermeintliche Rückbesinnung ein Zeichen für eine Annäherung an die klassischen Probleme der Bildhauerei. Auch wenn die Skulpturen Titel tragen wie „Caught Dreaming“, „The Fanatics“ oder „Ever after“, weil der Brite aus Wuppertal Freude am Rätsel hat, geht es Cragg um die Fragen, die Künstler seit der Hochrenaissance beschäftigt haben (Preise für alle Arbeiten auf Anfrage). Es sind die Instrumente des „Paragone“, des Widerstreits zwischen den Gattungen der plastischen Kunst und der Malerei: das Verhältnis von Fläche zur Dreidimensionalität, die Wirkung des Materials, die Allansichtigkeit sowie das Wechselspiel von Linie und Körper.

Diese Gestaltungskategorien hat Cragg derart dynamisiert, dass sich ein merkwürdiger Effekt einstellt. Trotz ihrer teilweise erheblichen Masse sind die Werke alles andere als massig. Im Gegenteil: Schnell verliert sich der Betrachter in Details wie der irrisierenden Farbigkeit und den Kratern und Wölbungen von „Caught Dreaming“. Bei „Caudron“, der mit annähernd einem Kubikmeter kleinsten der vier Arbeiten, fällt auf, wie wichtig nicht nur der Raum ist, den die Skulptur einnimmt, sondern auch jener, der sie umgibt. Dazu kommen die feinen Linien, die sich durch die Schichtung dünner Holzplatten ergeben und dem Ganzen die Anmutung von Jahresringen eines Baumstamms verleihen – nur, dass die Jahresringe hier vertikal verlaufen. Bei „The Fanatics“ wurde die Stahloberfläche so lange poliert, bis sie spiegelglatt war. So entsteht ein immer neues Bild: Durch die Lichtreflexe auf der Außenhaut scheint sich der Körper bisweilen fast aufzulösen. „Alles ist regungslos“, schreibt Jon Wood im begleitenden Essay, „doch alles verändert sich auch, gefangen im Prozess der Transformation.“

Das beschreibt treffend die Eigenart von Craggs aktuellen Werken. Die unablässige Veränderung des Äußeren verästelt sich bis in die Mikroperspektive. Die in sich ruhende Grundform und die unruhige visuelle Erscheinung vereinen sich so innig, dass die Widersprüchlichkeit der Empfindungen eine dramatische Spannung erzeugt. Dabei lohnt es sich, sich vor Augen zu halten, wie die Arbeiten hergestellt wurden.

Auf den ersten Blick denkt man an Computeranimationen und automatisch gesteuerte Fräsapparate, denn die Umrisslinien der aktuellen Werke sind teilweise so kompliziert, dass alles andere undenkbar wäre. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Craggs Skulpturen mögen artifiziell sein bis an die Grenze des Möglichen, sie sind dennoch reine, ehrliche, mühsame Handarbeit. Es dauert Monate, bis eine solche Plastik vollendet ist – auch dies ist heutzutage eigentlich ein Widerspruch. Vielleicht ist Tony Cragg am Ende doch das geblieben, was er einmal war: der Bildhauer der spätindustriellen Epoche.

Galerie Buchmann, Charlottenstr. 13, bis 3. Juni; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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