Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama "Terror" : Algorithmen des Todes

Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ lässt das Publikum entscheiden, ob man töten darf, um Leben zu retten. Wie aber programmiert man selbstfahrende Autos, die bei Unfällen möglichst geringen Schaden anrichten sollen?

Roberto Simanowski
Szene aus der Dresdner Inszenierung von Schirachs „Terror“ – mit Klaußner in der Rolle des Richters und Tom Quaas als Zeuge.
Szene aus der Dresdner Inszenierung von Schirachs „Terror“ – mit Klaußner in der Rolle des Richters und Tom Quaas als Zeuge.David Baltzer / bildbuehne.d

In Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ sitzt das Publikum über einen Major der Bundeswehr zu Gericht, der eigenmächtig ein von einem Terroristen entführtes Passagierflugzeug abschoss. Der Major opferte die 164 Menschen im Flugzeug, um die 70 000 Menschen in der Münchner Allianz-Arena zu schützen, in die der Terrorist die Maschine jagen wollte. Die Entscheidung, ob der Major wegen mehrfachen Mordes angeklagt werden soll, wird derzeit auf verschiedenen deutschen Bühnen jeweils ans Publikum – als den „realen“ Schöffen in diesem Gedankenexperiment – delegiert. So soll es auch bei Lars Kraumes Verfilmung des Stücks mit Burghart Klaußner und Florian David Fitz sein, die im Herbst in der ARD zu sehen sein wird. Das Ergebnis bisher: Die Mehrheit stimmt für Freispruch. Mit anderen Worten: Rund zwei Drittel des Theaterpublikums verhalten sich verfassungswidrig.

Denn es widerspricht dem Eingangsparagrafen der deutschen Verfassung über die Unantastbarkeit der Menschenwürde, Leben gegen Leben abzuwägen und gegebenenfalls wenige unschuldige Menschen zur Rettung vieler unschuldiger Menschen zu töten. Im Widerspruch zum moralischen Impuls der meisten Bürger besagt die ethische Grundlage der deutschen Rechtssprechung: Das kleinere von zwei Übeln lässt sich weder mathematisch ermitteln noch durch Diskriminierung nach Alter, Geschlecht oder Anzahl. Das Leben von zehn Menschen ist nicht mehr wert als das von zweien und das Leben eines Kindes nicht mehr als das eines Greises. Die Ethik des unverhandelbaren Subjekts verbietet, einen Menschen auf ein Mittel zur Rettung anderer zu reduzieren.

Die deutsche Verfassung bevorzugt damit die Pflichten- oder Gesinnungsethik gegenüber der Zweck- oder Verantwortungsethik. Während diese auf das Ergebnis blickt und die Opferung der wenigen zur Rettung der vielen für vertretbar hält, akzentuiert jene das Handeln (bei Schirach der Abschussentschluss des Majors) und bewertet die (negative) Pflicht, niemanden zu töten, höher als die (positive) Pflicht, Menschen zu retten. Aus diesem Grund kassierte das deutsche Verfassungsgericht Anfang 2006 jenen Paragrafen des vom Bundestag Anfang 2005 verabschiedeten Luftsicherheitsgesetzes, der als ultima ratio den Abschuss von Passagierflugzeugen erlaubte.

Das philosophische Weichensteller-Dilemma

In der Philosophie wird das lebensrettende Töten als Weichensteller-Dilemma diskutiert: Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht fünf Personen zu überfahren; die einzige Handlungsoption eines Zeugen besteht darin, die Bahn auf ein Nebengleis umzuleiten, wo sich nur eine Person befindet. Der Tötungsbeschluss wird in einer Variante des Dilemmas explizit, indem man einen unbeteiligten dicken Mann von der Brücke auf die Schienen stößt, der die Straßenbahn mit seiner Körpermasse aufhält.

Es liegt auf der Hand: Schirachs Gerichtsdrama übersetzt das ethische Gedankenexperiment in die Zeit nach 9/11 und reagiert auf den Kampf von Terroristen gegen die Modernisierung der Gesellschaft. Sein tieferer Sinn aber liegt darin, die Gesellschaft auf das vorzubereiten, was der technische Fortschritt der Moderne mit sich bringt: Autos, die computergesteuert fahren.

Die Diskussion, nach welchen Kriterien Algorithmen in autonomen Fahrzeugen über Leben und Tod entscheiden, ist unter dem Stichwort Todesalgorithmen in vollem Gange, wie nicht nur die vom Verkehrsminister Alexander Dobrindt geplante Ethik-Kommission unter Vorsitz des früheren Bundesverfassungsrichters Udo Di Fabio zeigt. Auch hier ist das Weichensteller-Dilemma ein oft zitierter Bezugspunkt, wobei die Situation komplexer wird, wenn die Vernetzung und Geschwindigkeit im Auto zusätzliches Kontextwissen bereitstellt.

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