Kultur : Ferenc Snétberger: In mir steckt die ganze Weltmusik

Roman Rhode

Er gilt als einer der besten Gitarristen Europas. Als er vor Jahren bei seinen Weihnachtskonzerten in der Passionskirche noch allein spielte, kamen viele, um "Zigeunermusik" zu hören. Ferenc Snétberger, der in Ungarn geborene Sohn eines Sinto und einer Romni, verarbeitet zwar auch die Folklore seiner Heimat. Doch Django Reinhardt, den er durch seinen Vater kennen lernte, fühlt er sich viel weniger verbunden als dem brasilianischen Gitarristen Egberto Gismonti. "Vielleicht", scherzt Snétberger, der sich in der Melancholie und den Melodien aus dem Amazonasland wiederfindet, "bin ich ein Brasilianer - obwohl ich noch nie in Brasilien war."

Mehrere Seelen tummeln sich in seiner Brust. Repertoire und musikalische Begleitung des Gitarristen überraschen daher jedesmal aufs Neue. Snétberger gibt nicht nur Solokonzerte, sondern ist auch im Jazz-Trio mit dem ungarischen Schlagzeuger Elemér Balazs und dem bulgarischen Bassisten Martin Gjakonovski aufgetreten. Und zu seinen Duo-Partnern gehörten der Violinist Zoltan Lantos oder der Trompeter Markus Stockhausen. Mit dem Sohn des Avantgarde-Komponisten ist der Gitarrist auch jetzt unterwegs. Ihre Zusammenarbeit begann vor zwei Jahren, als Snétberger seine Kompositionen für Gitarre und Orchester schrieb und noch eine Trompete einfügen wollte. Stockhausen zeigte sich begeistert. Bei den Proben stellte sich dann heraus, dass beide Musiker die gleiche Sprache sprechen. Denn wie Stockhausen ist auch Snétberger ein unermüdlicher Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz: "Mit meinen Fingern spiele ich wie ein klassischer Gitarrist, die Phrasierungen aber sind jazzig."

Snétberger, der zunächst mit einer Klassik-Karriere geliebäugelt hatte, dann aber das Budapester Jazzkonservatorium besuchte, liebt das Improvisieren über alles. "Johann Sebastian Bach war für mich genau die richtige Musik, um zu meinem Ausdruck zu kommen." Bekanntlich hatte man sich in Bachs Familie zu wöchentlichen Sessions getroffen, um eigene Werke oder die anderer Komponisten etwas freier zu interpretieren, als das die Partitur gebot. Und so begnügt sich Snétberger am liebsten mit wenigen Noten, um "mehr Luft" ins virtuose Spiel zu bringen. Seine mit Stockhausen und dem Franz Liszt Kammerorchester aus Budapest eingespielte CD "For My People" bietet zwar Variationen zu Francisco Tarrega sowie Kompositionen für Gitarre und Trompete. Doch Snétberger gleitet darin auch in sanfte Bossa-Nova-Harmonien ab. Kaum jemand bringt weltumspannende musikalische Vexierbilder treffender zu Gehör: den aufmüpfigen Soul der Gitanos und Roma, die melodischen Ornamente spanischer Klassik, die widerborstigen Akkorde des Jazz oder die Elastizität brasilianischer Klänge.

Da mag es verwundern, dass "For My People", eigentlich ein Gedenken an den Holocaust, nicht von wimmernden Violinen durchdrungen ist. Snétberger indes, der auch die Musik zu einem im März vom Roma-Theater Pralipe in Berlin aufgeführten Bühnenstück geschrieben hat, will "keine typische, traurige Roma-Musik machen". Zu "Die Tinte unter meiner Haut", einem dokumentarischen Drama über den Völkermord an Sinti und Roma, komponierte er avantgardistisch-düstere Lautmalerei: "Wie sollte man sonst den Tod beschreiben?" Ähnlich wie sein frühes brasilianisches Idol Gismonti lässt sich auch der Ungar von vielen unterschiedlichen Musikformen inspirieren. Nicht zuletzt von den Klängen der Metropole. 1988 kam der Gitarrist auf Einladung der Reihe Jazz in July zum ersten Mal nach Berlin: "Eine tolle Stadt, hier trafen sich Menschen aus der ganzen Welt, hier gab es Kunst, Kultur, Jazz. Ich wollte nie nach Amerika." So ist er geblieben. Mittlerweile weiß auch sein deutsches Publikum, dass Snétberger nicht dem Boom traditioneller Gipsy-Musik entspringt, sondern in seiner Fantastik eher moderne Klangcollagen entwirft. Der Gitarrist selbst zerbricht sich über die eigene Musik nicht den Kopf. Seine Finger schnellen lediglich die Nylonsaiten entlang: "Ich spiele einfach. Weil ich zu den Roma gehöre - in uns steckt bereits die ganze Weltmusik."

Hin und wieder fährt er nach Budapest, um größere Konzerte zu geben. Irgendwann würde er gerne auf dem Berliner Jazzfest auftreten. Doch heftiger wünscht er sich eine eigene Musikschule. In einem Projekt der Werkstatt der Kulturen hat Snétberger einmal mit Sinti- und Roma-Kindern zusammengearbeitet. Wenn er daran denkt, leuchten seine Augen: "Da schlummern so viele Talente."

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