Kultur : Ferienhaus für Terroristen

Der Düsseldorfer Thomas Schütte präsentiert im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen einen erstaunlichen „Kreuzzug“

Michael Krajewski

„So etwas traut sich nur der Schütte“, war vor einigen Jahren zu hören, als der Künstler in seiner Düsseldorfer Stammgalerie erstmals seine massigen „Frauen“ vorstellte. Die bronzenen Skulpturen auf schweren Stahlsockeln erinnerten an Henry Moores organische Volumenplastik der Fünfzigerjahre. Gleichgültig, ob der Kommentar Ratlosigkeit oder Respekt formulierte, er zeigt, dass Schütte insbesondere jene zu entzweien vermag, die sich regelmäßig im „Kunstbetrieb“ umsehen. Denn wie kaum ein anderer durchkreuzt Thomas Schütte die Konventionen der jüngsten Kunst.

Der in Düsseldorf lebende 49-jährige Bildhauer ist ein Eigensinniger, dessen zum Zeitgeist gegenläufiges Vokabular nur schwer zu fassen ist. Parallel entstehen in seinem Atelier Architekturmodelle, lasierte Keramiken und monumentale Metallfiguren, aber auch Blumenstillleben und Kopfstudien. Nach langer Pause ist er nun wieder mit einer großen Überblicksausstellung zu sehen – im K21, dem Haus für aktuelle zeitgenössische Kunst der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, das ihm gleich zwei Etagen für einen Parcours durch die Produktion der letzten sechs Jahre einräumte.

In seiner „Kreuzzug“ überschriebenen Ausstellung trifft der Besucher auf Gattungen und Materialien, die eigentlich längst aus der Mode zu sein scheinen: monumentale Terracotta-Büsten und lasierte Keramiken, die sich dekorativem Raumschmuck nähern. Man begegnet aquarellierten Sonnenblumen, Lilien und Selbstporträts. Schüttes menschliche Liege-Skulpturen, die possenhaften „Großen Geister“ greifen den eleganten Modernismus der fünfziger Jahre auf – oder karikieren ihn.

Doch wäre es zu einfach, ihn nur als agent provocateur zu sehen, der mit „Volkshochschul-Techniken“ die Kunstwelt brüskiert. Unversehens stößt man beim Rundgang auf Ernstes, ja Verstörendes: zum Beispiel auf ein Grabmal, das der Künstler 1981 als 26-Jähriger für sich selbst entworfen hatte. Und die harmlosen Keramiken erweisen sich als Urnen. Man liest Botschaften wie: „Terror – Error“ im jüngsten, 104 Blatt umfassenden Radierzyklus, „Quengelware“ (so nennen Einzelhändler die Süßigkeiten, die sie in Greifnähe von Kindern stellen, damit sie ihren Müttern in den Ohren liegen). Hintereinander angeordnet, stellen sich die acht Liegenden als Abfolge von schmerzhaft verkrümmten, deformierten, zuweilen zerstückelten Körpern dar.

Schütte hatte Anfang der Achtzigerjahre im Umfeld der sogenannten Düsseldorfer Modellbauer begonnen, einer losen Gruppierung, die sich skulptural auf architektonische Szenarien, Situationen und Kulissen bezog. Einem größeren Publikum war er auf der Documenta 9 mit einer Gruppe bunter Keramikfiguren bekannt geworden, den „Fremden“, die auf die Situation der Migranten reagierte und deutlich einen moralischen Anspruch der Kunst formulierte. Solche Polemik zeigen auch seine seit 2003 entstehenden puppenstubenhaften Architekturskulpturen mit Titeln wie „Tanke Deutschland“, „Amusement“ oder „Kriegerdenkmal“. Als Höhepunkt und Abschluss des Rundgangs hat Schütte unter der weiten Glaskuppel des ehemaligen Ständehauses ein monumentales Kernkraftwerk mit Kühlturm, Reaktorblock und Energiekäfig aufgebaut.

Groß ist die Spannung in Düsseldorf zwischen Bedeutungsgeladenem und Banalem, Pathos und Heiterkeit. Wenn Schütte ein „Ferienhaus für Terroristen“ bastelt, dann wirkt das auf den ersten Blick flapsig und bösartig wie einst bei Martin Kippenberger, der die Betty-Ford-Klinik, eine Entziehungsanstalt, porträtierte. Doch man sollte Schüttes Vorläufer eher bei anderen großen Unzeitgemäßen wie James Ensor und Francis Bacon suchen. Als Bacon einmal gefragt wurde, womit sich seine Kunst neben der sichtbaren Welt beschäftigt, antwortete er: „Mit einer heiteren Verzweiflung – um es auf angenehme Weise auszudrücken." Ein Künstler, der sein eigenes Grabmal entwirft und ausstellt, dem mangelt es sicher nicht an heiterer Verzweiflung – um es auf angenehme Weise auszudrücken.

K21, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, bis 19. September; Katalog 25 Euro.

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