Kultur : Ferienland

Haydns „Schöpfung“ mit Janowski und dem RSB

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Erzengel Uriel ist in der Interpretation von Michael Schade ein Schelm, der beim Preis der „Schöpfung“ an die Folgen denkt: Wenn er in Haydns Oratorium zu Hörnerklang singt, „Seht das beglückte Paar, wie Hand in Hand es geht“, so gibt eine Ironie in der Stimme zu bedenken, dass die soeben erschaffenen Menschen reichlich naiv sind. Die Interpretation weckt Heiterkeit mit tieferer Bedeutung wie Uriels Warnung an Adam und Eva, sie sollten nicht mehr wissen wollen, „als ihr sollt“. Die Stimme, die leise wird, weiß, wie es mit der Menschheit weitergehen wird. So endet die fromme Predigt im Zweifel. Der Sänger ist so frei, die Tenorpartie wie eine Conférence mehrdeutig zu halten, und gibt dem Abend in der Philharmonie Spannung und Leichtigkeit.

Marek Janowski schultert in diesem Juni nach den „Meistersingern“ ein zweites populäres Gipfelwerk: die „Schöpfung“ mit dem klaren Sopran und fein phrasierten Gesang von Julia Kleiter und dem intensiven Bassbariton von Johan Reuter. Den hervorragenden vokalen Anteil ergänzt der Rias-Kammerchor. Das derzeit viel beanspruchte Rundfunk-Sinfonieorchester folgt seinem Chefdirigenten mit getreulicher Partnerschaft.

Was für eine unaufhörliche Bildlichkeit! Die geheimnisvolle Vision des Chaos vor der Weltschöpfung klingt uns heute in ihrem Dämmer eher lieblich, nach den Erfahrungen aktueller Chaosbilder. Wie die Tongrafiken auf die Erscheinungen einstimmen, bevor das Wort sie nennt: ungestüme Meereswellen, heller Bach, Donner, leichter Schnee, Aufgang der Sonne majestätisch, der Mond als Adagio. Jedes Tier mit seinem Temperament: der Löwe mit dem Brüllen des Kontrafagotts, sanft das Rind, die süße Nachtigall mit der Flöte (Ulf-Dieter Schaaff). So entlässt uns das RSB in die Ferien: mit Blick auf ein utopisches Ferienland. Sybill Mahlke

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