Kultur : Fern des Infernos

Der 11. September und sein literarisches Echo: Romane von Ian McEwan und Jonathan Safran Foer

Sebastian Moll

Als Thetis Achill weissagte, dass er sich durch seine Teilnahme am trojanischen Krieg für den Ruhm und gegen ein langes Leben entschieden habe, zeigte sie damit auf den wahren Kriegsgrund – um die Eifersucht des Menelaos ging es nur vordergründig. Dahinter steckte der Wunsch, Heldentaten zu vollbringen, von denen tausend Jahre lang gesungen wird. Achill kämpfte stets mit der Literatur im Sinn. Die Medialisierung ist auch für den modernen Krieg eine entscheidende Motivation. Das Ziel der Todespiloten vom 11. September waren offenkundig weniger die Büroangestellten im World Trade Center als vielmehr die Fernsehkameras.

Die Literatur ist hingegen in Zeiten der Instant-Historisierung mehr ein Nachgedanke. Das verschafft ihr Zeit und Raum zur Reflektion. Und so ist es nicht überraschend, dass die literarische Produktion, die den 11. September zum Thema hat, erst jetzt so langsam anläuft.

Seit Mitte des Jahres 2004 sind ein gutes Dutzend Romane im englischen und französischen Sprachraum erschienen, die sich mit dem 11. September beschäftigen. Viel Beachtung haben sie bisher nicht gefunden. Erst in dieser Woche sind zwei Romane auf den Markt gekommen, die in den USA und in England breiter diskutiert werden: „Saturday“ von Ian McEwan (Jonathan Cape, London)und „Extremely Loud and Incredibly Close“ (Houghton Mifflin, Boston) von Jonathan Safran Foer.

Der heute 27-jährige Safran Foer, der vor drei Jahren mit seinem Debütroman „Alles ist erleuchtet“ auf einen Schlag berühmt wurde, und der 56-jährige McEwan, der zuletzt mit dem Roman „Abbitte“ seinen Ruf als herausragender englischer Erzähler bekräftigte, heben sich von der bisherigen 9/11 Literatur – wie etwa „Windows of the World“ des Franzosen Frederic Beigbeder oder „The Third Brother“ von Nick Mc Donnell – schon dadurch ab, dass sie sich nicht um die konkreten Ereignisse jenes Tages scheren. Sie versuchen erst gar nicht, mit dem Überangebot auf dem Bildermarkt, von den endlosen TV-Schleifen der einstürzenden Türme bis hin zum Magnum Fotoband, zu konkurrieren. Stattdessen nehmen sie das Datum 9/11 als Epochenschwelle ernst und schauen sich tastend im verwirrenden Terrain der neuen Zeitrechnung um.

McEwan macht die Frage, was Literatur nach dem 11. September leisten kann und soll, sogar zum expliziten Thema seines Romans. Sein Erzähler, der Londoner Chirurg Henry Perowne scheint dazu eine klare Meinung zu haben. Er ist Positivist, und Poesie sagt ihm herzlich wenig. Perowne sieht seine Welt nüchtern und desillusioniert: „Ein unbequemer Agnostizismus hatte sich um Dinge der Gerechtigkeit und der Verteilung von Wohlstand gelegt. Keine großen Ideen mehr.“ Etwas überraschend verhindert Perwones Tochter gegen Ende des Buches dann jedoch einen Akt des Mikro-Terrorismus mit einem Akt der Poesie.

Kleinkriminelle aus dem Arbeitermilieu dringen in das Haus der Perownes ein und drohen mit Vergewaltigung und Schlimmerem. Doch als Daisy ihnen ein Gedicht vorliest, vergessen die Bösewichte ihre Absichten.

Glaubt McEwan etwa doch an die rettende Kraft der Literatur? Sind für ihn Gedichte nach dem 11. September nicht die letzte Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei? Perowne ist am Schluss nicht davon überzeugt, denn der Geschmack an der Poesie, den der Ganove gefunden hat, bewahrt jenen nicht vor seinem Schicksal: dem Kreislauf aus Armut und Kriminalität. Die Poesie vermag, wie die rettende Kritik in der Geschichtsphilosophie Walter Benjamins, für einen Moment die Geschichte still zu stellen. Letztlich gibt es vor ihrer barbarischen Kraft jedoch kein Entrinnen.

Jonathan Safran Foer geht deutlich weniger bedeutungsschwer mit dem Thema um als McEwan. Abstrakte Überlegungen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Literatur nach dem 11. September wären ihm zu gewichtig. Safran Foer stellt und beantwortet zwar auch die große Frage, welche Art von Literatur man nach dem 11. September schreiben kann und soll, aber er tut das eher beiläufig.

Recht und Unrecht sind für Oskar Schell, seinen neun Jahre alten Erzähler, keine Kategorien. Er hat seinen Vater während des Attentats auf das World Trade Center verloren und versucht, mit viel exzentrischer Fantasie den Verlust zu verarbeiten. Oskar findet im Schrank seines Vaters einen Schlüssel und verbringt den Großteil des Romans damit, das Schloss zu diesem Schlüssel zu finden. Er weiß nicht, was er sich davon verspricht, es ist weniger eine Suche als eine naive Form der Trauerarbeit.

Das, was unglaublich laut und unheimlich nahe monatelang über Milliarden Bildschirme lief, wird durch Oskar zum ebenso enigmatischen wie produktiven Trauma. Im Zentrum dessen, was scheinbar so greifbar ist, ist das Unfassbare: Oskar weiß weder, warum sein Vater, der dort kein Geschäft hatte, im World Trade Center war, noch, was ihm dort widerfuhr. Aber er hat die Stimme, die aus dem Inferno nach ihm ruft auf dem Anrufbeantworter. Das so Nahe und doch so Ferne treibt ihn zu allerlei Übersprungshandlungen.

Zu etwas anderem, so legt Jonathan Safran Foer nahe, ist nach dem 11. September bisher ernsthaft niemand in der Lage. Derlei Ratlosigkeit tut gut. Vorgebliches Verstehen und vorschnelles Handeln hat es in den vergangenen drei Jahren im Überfluss gegeben.

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