Kultur : Ferne Leute

„Vier Fenster“ von Christian Moris Müller

Verena Friederike Hasel

Einer der freundlichsten Sätze fällt in einem Sexladen: „Dir würde ich sogar das Frühstück ans Bett bringen“, sagt der Mann zu dem Jungen. Und dann geht er und lässt ihn mit heruntergelassenen Hosen stehen. Später sehen die beiden sich wieder – eine Umarmung wie ein Ringen, ein zerbissener Kuss, und der Junge bleibt mit blutender Lippe zurück.

Überhaupt allerorts schiefe Zärtlichkeiten in Christian Moris Müllers Spielfilmdebüt „Vier Fenster“, das in Episoden das Leben einer Familie – Vater, Mutter, Sohn und Tochter – erzählt. Zwischen Mutter (Margarita Broich) und Vater (Thorsten Merten) ereignet sich der einzige Kuss wie ein Überfall, als sie gerade auf der Toilette sitzt. Und die Tochter (Theresa Scholze) ohrfeigt ihre beste Freundin – fürs Rot in den Wangen, sagt sie und umarmt sie stürmisch.

All diese Liebesversuche hält die Kamera von Jürgen Jürges („Angst essen Seele auf“) auf beklemmende Weise fest; mit langen Plansequenzen, die mitnehmen, was andere Filme auslassen, selbst kleine Rempler im Einkaufszentrum, und einer Kadrage, die die Verlorenheit der Figuren eindrücklich abbildet. Selten nur sehen wir eine Figur nah und frontal, die Kamera hält Abstand, bleibt im Flur zurück, wenn jemand schon im Bad verschwunden ist, oft sind Türen angeschnitten, oder eine Wand verdeckt halb die Sicht.

Woran sich der Regisseur jedoch verhebt, ist die Geschichte selber: Da gibt es nicht nur den Sohn, der anfängt, Männer zu lieben, und die Mutter, die wünscht, sie hätte genau dazu mehr Gelegenheit, sondern auch Vater und Tochter, die einander lieben. Ein Inzest, en passant wie hier erzählt, funktioniert nicht. Nicht nur weil er die Aufmerksamkeit von den anderen Erzählsträngen abzieht, auch wird ihm selbst nicht die Dichte und Tiefe zuteil, die ihm angesichts seiner Ungeheuerlichkeit zusteht.

Doch „Vier Fenster“ will sie offenbar gar nicht sehen – ist der Inzest doch als Liebesgeschichte inszeniert, mit Sehnsuchtsgesten zwischen Vater und Tochter, noch dazu mit einer Freiwilligkeit, die diesem Geschehen nicht innewohnt. Hier hat der Regisseur die inhaltliche Plausibilität der Formverliebtheit geopfert: Um sich an sexuelle Beziehungen zwischen Vätern und Töchtern heranzuwagen, sind die Fenster dieses Films zu klein.

Eiszeit, Brotfabrik, Xenon

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