Kultur : "Fernes Land Pa-isch": Der große Traum vom Paradies

Hans-Jörg Rother

Als Rainer Simon 1994 um sein Filmprojekt "Fernes Land Pa-isch" kämpfte, glaubte er, keine Zeit zu haben. Jetzt und hier wollte er eine Wirkung hinterlassen, und weil es mit der Finanzierung nicht so klappte, wurde das von ihm und Günter Saalmann verfasste Drehbuch so lange umgeschrieben, bis die kargen Mittel reichten. Als der Film dann das Studio Babelsberg - Simons Arbeitsort seit 1966 - verließ, musste der Regisseur lernen, dass ein Werk auch ohne Zensurinstanz große Schwierigkeiten haben kann, ins Kino zu gelangen.

Nun, da der Progress-Film-Verleih, der die Gesamtrechte an dem stattlichen Werk Simons besitzt, auch "Fernes Land Pa-isch" erworben hat, scheint die Arbeit schon ein Dokument der Filmgeschichte. Das etwas krude Projekt steht für eine Kino- und Kunstauffassung, die weniger auf die runde Geschichte dramatischer oder lyrischer Art baut, sondern alles auf den Schmerzensschrei setzt. Der Schreiende ist in diesem Fall der sechzehnjährige Umberto (Jens Schumann), der mit seiner Mutter (Renate Krößner) und der jüngeren, farbigen Schwester Bianca aus einer sächsischen Kleinstadt nach Hamburg kommt und nur ein Ziel kennt: Fort vom desolaten Zuhause mit der oft betrunkenen Mutter, die allzu oft Männer empfängt, fort auch aus Deutschland und auf nach Afrika, wo irgendwo das Land Pa-isch liegen muss, die Heimat von Biancas Vater, der einst warmherzig von seiner Heimat, vom pais, gesprochen haben mag.

Vom Geist der Käuflichkeit

In der DDR hatte Saalmanns Jugendbuch erst nach zähem Ringen 1987 erscheinen können, denn es stellte keine geringe Provokation dar. Umberto und Bianca gelangen in der Erzählung bis nach Marseilles. Doch nun, als das Geschwisterpaar nicht allein den dumpfen Verhältnissen Ostdeutschlands sondern auch gleich dem gesamtdeutschen Geist der Käuflichkeit den Rücken kehrte, wollte partout kein französischer Koproduzent an dem Projekt Gefallen finden. Dafür fand sich der Fussballclub Bayer Leverkusen, der das Filmteam aus Süddeutschland nach Berlin mitnahm, wo die Fabel auf einem Kreuzberger Rollheimer-Gelände steckenbleibt.

Gestern unbehaust, immer unbehaust, ließe sich die Botschaft zusammenfassen, die auf Umbertos ewig sächselnden Lippen und in seinem fast immer mürrischen Gesicht geschrieben steht oder bei seiner Ein-Mann-Show im märkischen Kiefernwald herausgestoßen wird. Im Grunde haben wir es mit einer Pubertätsstory zu tun: Ein Junge sucht Ersatz für die Mutter, wird vom erstbesten Nachbarmädchen in Hamburg enttäuscht und sehnt sich daraufhin, noch weit vom Erwachsenwerden entfernt, nach dem stets entbehrten väterlichen Schutz. Doch weniger daran sieht Simon seine Figur scheitern, sondern am uralten Traum vom Paradies (Pa-isch), der gerade in jenen nistete, die kein pragmatsiches Verhältnis zum DDR-Sozialismus fanden, sondern dort das Ideal gegen die Realität verteidigten wollten.

Detlev Buck in der Nebenrolle

Jens Schumann als Umberto, ein Laiendarsteller, läuft und singt träumend und leider schauspielerisch nicht sehr wandlungsfähig durch rauhe Randbezirke der Gesellschaft. Bei etwas Boshaftigkeit kann man in seiner Rolle, trotz Fernwehs, jene Dauerpubertät entdecken, die sich zuweilen auf brandenburgischen oder mecklenburgischen Campingplätzen gegen Fremde austobt. Doch die Regie findet zu den psychischen Symptomen, die sie gestaltet, keine Distanz und hält überzeugende Darsteller wie Detlev Buck und Meret Becker nur in Nebenrollen bereit.

Dem Zuschauer wird ein Bad in chaotischen Gefühlen verordnet, am deutlichsten in der von Schenker-Musik untermalten Tour de force durch die Typen-Menagerie in der Ruinenwüste der Aussteiger. An manchem Gesicht mag man dabei hängenbleiben. Doch auf allem lasten Botschaft und Stimmung.

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