Kultur : Fernsehen für Fische

Medien, Monitore, Akrobaten: „Stage TV“ im Berliner Tipi

Roman Rhode

Polarer Sommer, also Rückzug ins Wohnzimmer. Sofa, Fernbedienung, Mattscheibe an. Das allabendliche Zapping-Spiel am heimischen Kasten, im Fernsehen nichts Neues. Theater, Varieté, Zirkus – kennen wir schon. Und wozu erst Fernsehen auf der Bühne? Doch bei „Stage TV“ wird das Alltagsmedium gründlich auseinander genommen. Wie zum Beispiel schüttet man einen Fisch aus dem tragbaren LCD-Monitor ins Bassin dreier nebeneinander stehender Röhrenbildschirme? Und wie kann man in den Fernseher hineinkriechen, um von dort aus das Publikum zu betrachten? Oder schon mal einen perfekten Artisten mit implantiertem Mikrochip erprobt? Der bleibt als elektronisch gesteuerter Breakdance-Roboter in einer Kakophonie aus Fehlermeldungen im Dolby-DigitalSound gefangen.

Witzig, intelligent, furios: „Stage TV“ ist eine Show aus der Schweiz, für die sich der Jongleur Romano Carrara, das Akrobaten-Duo Cornelia Clivio und Lorenz Matter sowie die waschechte, hier jedoch nur auf dem Bildschirm präsente Fernsehmoderatorin Daniela Lager zusammengefunden haben. Eine Truppe, die virtuos auf dem Grat zwischen wirklicher und digitaler Bilderwelt wandelt.

Wie dieser schwierige Balanceakt gelingt, ist faszinierend. Nicht nur wegen der equilibristischen Kunststücke der Artisten, sondern besonders durch ein eigens erhobenes Gesetz der guten Interaktion. Wenn Lager, die adrette anchor-woman, vom Bildschirm durch ein Programm aus Jonglage und multimedialer Zauberkunst führt, muss sie dabei ihre drei Mitstreiter auf den Brettern im Blick behalten – und sich gegen sie behaupten. Denn die hantieren zwar mit computergesteuerten Leuchtbällen, haben aber zudem mit sich selbst und allerlei Bildstörungen auf den Monitoren zu kämpfen.

Die Rettung kommt stets von außen: Fernsehdetails werden mithilfe einer Lupe vergrößert, ein aufgestelltes Mikrofon vor der Flimmerkiste behebt den Tonausfall. Doch plötzlich kann das Bild wieder aus den Fugen geraten, wenn Romano Carrara mit einem Magneten den Ohrring der Moderatorin erwischt. Wie immer sich der Zugriff auf die Röhre auch zeigt – als verzerrte Spiegelung des Ichs oder augenzwinkernd-poetische Fantasie –, die Künstler erfinden den Begriff der Akrobatik völlig neu. Nämlich als faszinierenden Gleichlauf von Körperbewegung und bewegtem Videodesign. Damit feiert auch der antike Deus ex Machina seine Auferstehung, der hier als zeitgemäßes update einer unbarmherzigen Medienmaschine entspringt.

„Stage TV“ kommt als ein kleines multimediales Gesamtkunstwerk daher, in dem alle gängigen Präpositionen aufgehoben sind. Das farbenprächtige Unterwasserballett, bei dem sich die Körper von Clivio und Matter zu einer gemeinsamen Figur verbiegen, findet auf den Monitoren statt, irgendwo zwischen Bildschirm und Leben. Das ist schöner als Heimkino, spannender als Varieté, aufregender als Zirkus. Und die restlos begeisterten Zuschauer bleiben trotz Werbeblock-Persiflage dran am Programm. Fernbedienung, Zapping: kein Thema mehr.

Nur eine Zugabe, die kann es nicht geben. Das hat auch mit der heimlichen Sorge der Künstler zu tun, die Romano Carrara nach der Premiere im kleinen Kreis preisgibt: „Wenn der alles steuernde Hauptcomputer mal nicht funktionieren sollte, dann ist alles aus.“ Mensch und Maschine sind eben doch unversöhnlich.

Noch bis zum 21. August, dienstags bis samstags 20.30 Uhr, sonntags 19.30 Uhr im Tipi-Zelt am Kanzleramt

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