Kultur : Fernsehen: Wem die Quote schlägt

Harald Martenstein

Zuerst denkt man: "Dr. Niels Werber, Avantgardeforscher aus Bochum", da steckt wahrscheinlich ein verkleideter Hape Kerkeling dahinter. Aber Dr. Werber gibt es wirklich, und die Stadt Bochum scheint sich über den Wegzug von Herbert Grönemeyer und den Abstieg aus der Bundesliga hinwegzutrösten, indem sie in der Avantgardeforschung die Pole-Position übernimmt.

Was bringt die Zukunft des Fernsehens, Herr Avantgardeforscher? Schon bald wird der Fernseher aus unseren Wohnungen verschwinden, das steht für die Avantgardeforschung fest, er wird sich in eine Art Bildtapete an der Wand verwandeln. Zweitens: Wir können schon bald in Filmen unser eigenes Konterfei an Stelle der Schauspieler einsetzen. Wir können uns also "Stirb langsam" anschauen, mit uns selbst oder mit Franz Müntefering in der Rolle von Bruce Willis. Das wird sehr schön sein.

Das wichtigste deutsche Fernseh-Festival ist die Cologne Conference in Köln, mit Wettbewerb und Markt und Podiumsdiskussionen, ähnlich wie ein Filmfestival. Im Vergleich zu den Festivals in Cannes ist die Cologne Conference natürlich immer noch ein Baby, aber der Gründer und Direktor Lutz Hachmeister hat das Wichtigste geschafft - dass nämlich beide Seiten, die Privaten und die Öffentlich-Rechtlichen, seine Veranstaltung akzeptieren. Sie haben sogar ein Partyschiff wie in Cannes, es heißt "Lorelei". Dort kann man Leo Kirch sehen, den König der Löwen, wie er ohne die berüchtigte Sonnenbrille friedlich unter einem Bananenbaum hockt. Hachmeister hört in diesem Jahr als Direktor auf, nach elf Jahren, er will selber Filme machen. Das Copyright für den Namen "Cologne Conference" hat er sich vorsichtshalber gesichert.

Die Leute sind faul. Dies ist die wichtigste medientheoretische Erkenntnis der letzten Zeit. Die meisten Leute haben kein bisschen Lust, sich anzustrengen. Daran scheitert auch in den Zeitungen so manches. Das ganze Gerede übers interaktive Fernsehen - die Visionäre haben alle nicht mit der Faulheit der Leute gerechnet. Die Leute wollen gar nicht mitmachen. Sie wollen keine komplizierten Sendungen, sie wollen keine komplizierten Decoder oder sich mit 150 verschiedenen Programmkanälen befassen. Sie wollen statt dessen immer nur das Eine: relaxen. Und so ergriff ein Medienforscher oder Creative Director oder Geschäftsführer nach dem anderen das Wort und sagte: "Fernsehen ist ein Lean-Back-Medium." Das haben wir jetzt endlich herausgefunden.

Die Menschen knapp über dreißig, die "Thirtysomethings", sind das beliebteste Publikum der Welt, weil sie schon gut Geld verdienen und immer noch an Werbespots glauben. Dies hofft jedenfalls die Werbebranche. Ein Thirtysomething möchte also die Freundin loswerden, aber es klappt einfach nicht. Er ist ihr - so sind sie nämlich, die Thirtysomethings - sexuell verfallen. Ein Trennungsgespräch endet in der Damentoilette. Der Thirtysomething stürzt, leicht zerstrubbelt, aus der Kabine, um ein Präservativ aus dem Automaten zu ziehen. Vor dem Automaten steht aber bereits ein weiteres Thirtysomething, weiblich. Er verliebt sich auf der Stelle, vereinbart rasch ein Date, kauft das Präservativ und stürzt zurück in die Kabine: So beginnt "Coupling", eine witzige und ziemlich zotige britische Sitcom, die bei uns demnächst auf Pro 7 läuft.

Ob die Zuschauer sie überhaupt bemerken? Schon jetzt ist das Angebot in vielen Sparten größer als die Nachfrage. Und seit die US-Unternehmen Liberty und Callahan das Kabelnetz der Telekom gekauft haben, ist damit zu rechnen, dass die Digitalisierung zügig vorangetrieben wird. Das bedeutet: viele neue Programme. Sie müssen nur billig sein, denn Geld hat zurzeit kaum einer.

In Deutschland werden pro Woche 80 Stunden Comedy im Fernsehen gezeigt, ohne die Wiederholungen. Die Quoten sinken. Die Werbeeinahmen sinken ebenfalls, auf breiter Front, wegen des Konjunktureinbruchs. Man könnte sagen: Das Fernsehen steckt in der Überproduktionskrise. Trotzdem war von einer "Renaissance des Fernsehens" die Rede. Das gute alte Fernsehen - plötzlich gilt es wieder als das kommerzielle Leitmedium, denn die Internet-Euphorie ist vorbei. Beim Fernsehen ist wenigstens sicher, dass man mit ihm Geld verdienen kann. Sofern man es richtig anstellt.

Hachmeister und sein Team suchen jedes Jahr weltweit nach den 20 Fernsehproduktionen, die ihnen als die besten erscheinen: Qualitätsfernsehen. Briten und Amerikaner dominierten, von Anfang an. Der Vorrat an hervorragenden britischen Dokumentarfilmen scheint unerschöpflich, und sie werden noch besser, seit die Kameras kleiner und unauffälliger geworden sind. Erzählrhythmus, Bilder, Musik, fast wie bei den Spielfilmen. "Pimp Snooky" von Clive Gordon ist dafür ein Beispiel, das Porträt eines sympathisch auftretenden Zuhälters aus den USA, der seine Frauen nach allen Regeln moderner Psycho-Technik gefügig macht, ein Film darüber, wie Unterdrückung funktioniert. Snookys Anwälte haben die Aufführung in den USA verbieten lassen.

Im Wettbewerb gewann "Der Tanz mit dem Teufel", Regie: Peter Keglevic, eine Sat 1-Produktion über die Oetker-Entführung. Der Film ist recht spannend, aber voller Krimi-Klischees, und die Musikdröhnung macht einen wirklich fertig. Mag sein, dass die Leute es mögen - aber ein Preis dafür? Nichts braucht Sat 1 allerdings dringender als einen Erfolg dieser Produktion, nach etlichen Flops mit teuren Eigenproduktionen.

Die größte Enttäuschung des Wettbewerbs kam von James Cameron, dem "Titanic"-Regisseur. Camerons Serie "Dark Angel", 13 Teile, handelt von einer nahen Zukunft, in der gentechnisch manipulierte Menschen gegen die Normalen ums Überleben kämpfen. Wieder mal hat Cameron den Etat überzogen, wieder einmal Schauspieler kohortenweise in die Verzweiflung getrieben. Das Ergebnis ist teurer Edeltrash, eine Mischung aus "Blade Runner", "Lara Croft" und "Terminator", zweitklassig, ohne die mythische Kraft, die Camerons bessere Filme besitzen. Vox wird es senden.

Welche Zukunft haben überhaupt die Spielfilme, die fürs Fernsehen produziert werden? Kostendruck treibt die Sender ins Entertainment, zu den diversen Show-Formen, denn die sind billiger herzustellen als die so genannte "Fiction". Das Comeback der Quizshow wird vermutlich bald wieder zu Ende sein, eine Folge der Übersättigung. In der Branche prophezeien viele, dass statt dessen die Gameshow wieder kommt. All das findet weitgehend ohne die Öffentlich-Rechtlichen statt. Die Welt dreht sich einfach zu schnell für einen öffentlich-rechtlichen Sender. Drei Jahre hat die ARD gebraucht, um eine eigene Quizshow auf die Beine zu stellen, in ein paar Wochen ist es soweit - jetzt, wo der Boom vorbei ist. Und eine Comedy-Produzentin erzählte auf einem Podium: "In der Zeit, die ARD oder ZDF brauchen, um über ein Angebot eine Entscheidung zu treffen, habe ich bei den Privaten die Show fertig produziert und bin auf Sendung."

Die ARD stellte erste Szenen aus "Die Manns" vor, die Geschichte der Dichterfamilie, Armin Mueller-Stahl als Thomas Mann, Sophie Rois als Erika. Heinrich Breloer führt Regie, da kann nichts schief gehen. Überhaupt naht eine Springflut biografischer Historiendramen - Axel Springer, Willy Brandt, Rudi Dutschke, Petra Kelly und Gerd Bastian. Die Manns sind eine Kraftanstrengung, sehr teuer. Federführung: WDR, Ausstrahlung in der Vorweihnachtszeit. Für die ARD geht es, wie bei Sat 1, um viel. Ein Quoten-Desaster in der Art der Klemperer-Tagebücher würde intern wohl für ein kleines Beben sorgen. Deswegen ist man unsicher, wieviel Glück man dem Unternehmen wünschen soll. Ein kleines Beben könnte der ARD an sich ganz gut tun. Andererseits: Wenn sie nicht mehr auf Nummer sicher gehen, fangen sie womöglich an, stärker die Privaten zu kopieren.

Bei der Pressekonferenz treten zahlreiche Fiftysomethings auf, alle sichtlich ergriffen von der Bedeutung ihres Projekts. Auf die Frage, ob man mit diesem Film Menschen unter vierzig erreichen könne, sagt Breloer: "Die Manns sind eine junge, moderne Familie." Und Michael Schmidt-Ospach, Filmförderer, fügt hinzu, dass "Der Tod in Venedig" 1970 bei der Jugend gut angekommen sei.

Herlinde Koelbls Dokumentation "Die Meute" war der beste deutsche Film in Köln: ein Frontbericht aus der Berliner Medienrepublik. Hauptdarsteller sind die Kameras. Filmkameras, Fotokameras, rund um den Reichstag. Reporter, die warten. Reporter, die sich auf Politiker stürzen. Jäger. Politiker, die fliehen. Politiker, die Journalisten demütigen. Zwei Sorten Mensch, die einander brauchen und einander mehr oder weniger offen verachten. Und die einander ähnlich sind. Das drückt "Die Meute" aus, in Bildern von Pressekonferenzen, wie man sie nie gesehen hat, in Interviews mit fast allen Chefredakteuren und ein paar Star-Journalisten aus Berlin. Machthungrig sind beide, Journalisten und Politiker, dünnhäutige Selbstdarsteller, die unbequeme Fragen nicht so mögen. Das, was wir für "Politik" halten, gibt es in Wirklichkeit gar nicht, sagt Koelbl: "80 Prozent ist Inszenierung. "Die Meute" kommt am 10. August ins Programm.

Die Tabus. Wann werden die nächsten Tabus gebrochen? Aaron Koenig, Geschäftsführer von Bitfilm, kündigt an, dass demnächst kleine, billige "Flash Movies" aus dem Internet auf Sendung kommen, wo auch immer. Darin sieht man zum Beispiel, wie ein Goldhamster in der Mikrowelle röstet. "Das", sagt Aaron Koenig, "sind die Dinge, denen wir uns in Zukunft widmen werden." Und Brainpool, die Stefan-Raab-Firma, kommt mit einer Gameshow, deren Sieger auf einer russischen Sojus-Rakete ins All geschossen wird, 30-fache Schallgeschwindigkeit, mit Windeln, weil der Druck einem die Därme leerquetscht. Definitiv nichts für Gesundheitsfanatiker. "Das Risiko ist Teil des Spektakels", erläutert der Präsentator. Aber sind das wirklich Tabus? Die wahren Tabus des Fernsehens hat vor einiger Zeit Roger Willemsen ermittelt. Es handelt sich erstens um den Schachtelsatz, zweitens um Lyrik und drittens um den Leninismus.

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